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    50 Katzen in einer Wohnung

    Immer wieder kämpfen Südtirols tierärztliche Dienste mit Fällen von krankhaftem „Animal Hoarding“. Die Grenzen zwischen strafbarer Misshandlung und übergroßer Tierliebe sind fließend.

    Von Anton Rainer

    Der Fall liegt bereits einige Jahre zurück, und doch kann sich Christian Piffer noch genau daran erinnern. „Die Wohnung war eindeutig zu klein“, weiß der stellvertretende Direktor des Tierärztlichen Dienstes, „und doch hatte eine Familie mitten in Bozen über 50 Katzen darin untergebracht. Das ganze Geld ging für die Tiere drauf, ein normales Leben war nicht mehr möglich.“

    Extreme Beispiele nach dem Muster der Bozner „Katzen-WG“ nennt Piffer „delikate Einzelfälle.“ Über ihre Häufigkeit aber gibt es teils stark unterschiedliche Aussagen: Nur drei bis vier Fälle, sagt Christian Piffer, habe man in den letzten zehn Jahren in ganz Südtirol gesehen – allein im Bezirk Eisacktal aber, heißt es aus dem Brixner Sozialsprengel, in der Regel „einen Fall pro Jahr.“

    Das Problem? Eine klare Definition des krankhaften Sammelns von Tieren (Fachbegriff „Animal Hoarding“) gibt es nicht. Reicht bereits eine gewisse Anzahl von Haustieren pro Quadratmeter? Ist eine psychische Krankheit Voraussetzung? Müssen die Tiere beschlagnahmt werden, damit eine pathologische Einordnung möglich wird?

    Fragen, auf die man auch im Sanitätsbetrieb keine Antwort weiß.

    „Wir müssen viel Feingefühl aufbringen und im schlimmsten Fall selbst eine Grenze ziehen“, sagt Christian Piffer, „ab wann ist es noch zu dulden und ab wann ist es nicht mehr gesetzeskonform?“

    Klar ist hingegen die rechtliche Handhabe: Zeigen mehrfache Mahnungen und Strafen keine Wirkung, bleibt am Ende nur der Besuch des Amtsarztes – der im Fall einer offensichtlichen Verletzung der hygienischen Standards über eine Verordnung des Bürgermeisters eine Konfiszierung anordnen kann.

    So geschehen etwa in einer Sozialwohnung am Brenner: Ein in Brixen tätiger Arbeiter hatte in seiner Wohnung mehrere Hunde Tag und Nacht ausschließlich im Innenraum untergebracht. „Die Tiere konnten die Wohnung nie verlassen“, erinnert sich der verantwortliche tierärztliche Koordinator Alberto Covi, „die Folge waren hygienische Probleme, Dreck und vor allem im Sommer ein beißender Geruch, über den sich das ganze Kondominium beschwerte.“ Am Ende gab das unfolgsame Herrchen die Tiere selbst ab – nach viel gutem Zureden.

    Nicht immer aber klappt die Trennung: „Die Leute erkennen oft die eigene Not nicht, sie glauben sie tun den Tieren etwas Gutes“, sagt Thomas Hellrigl, Leiter des Brixner Sozialsprengels. Auch er erlebte vor rund zwei Jahren den Fall einer Frau, die mit über 20 Katzen in einer Wohnung lebte. „Gerade ältere, einsame Menschen holen sich häufig ein Tier ins Haus.“, weiß Hellrigl, „wenn es sich dann, weil möglicherweise nicht sterilisiert, vermehrt, wissen sie häufig nicht mehr weiter.“

    Die Folge seien miserable hygienische Zustände, Krankheiten und Ekzeme bei den vernachlässigten Tieren – gerade dann, wenn sich niemand um sie kümmern kann.

    Auch aufgrund der alternden Bevölkerung sehen Forscher im gesamten deutschsprachigen Raum eine Häufung derartiger Fälle. Der typische „Hoarder“ sei, ähnlich dem pathologischen „Messie“, alleinstehend und zwischen 50 und 60 Jahre alt. Wie sinnvoll wäre eine Obergrenze für die Haltung von Haustieren?

    „Es würde unsere Arbeit erleichtern“, sagt Christian Piffer, „aber es wäre angesichts der Tatsache, dass wir es mit wenigen, spezifischen Einzelfällen zu tun haben, eine zu simple Lösung. Manche Leute können 20 Hunde gut versorgen, bei anderen sind schon drei Tiere zu viel.“ Dasselbe gelte für etwaige Quadratmetergrenzen: „Manche Tiere werden auf fünf Quadratmetern Freilauf gut gehalten – andere auf zehn Quadratmetern vernachlässigt.“

    „Eigentlich ist jeder Fall ein Sonderfall“, sagt der tierärztliche Koordinator Brunecks, Artur Fabi. Er erinnert sich noch gut an einen Herren, der aufgrund übertriebener Tierliebe über 40 Hunde in seiner kleinen Privatwohnung mehr schlecht als recht versorgte. „Wir versuchen, frühzeitig einzugreifen“, sagt Fabi, „um die Leute auf den richtigen Weg zu bringen.“

    Die Beschlagnahmung der leidenden Tiere sei das Ende, nicht der Beginn dieses Wegs. Artur Fabi: „Wir haben das im Griff.“

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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