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    Das Engelsgesicht

     

    manieroDer ehemalige Boss eines der berüchtigten Mafiaclans hat sich als Unternehmer in Bozen niedergelassen: Felice Maniero. Das „Engelsgesicht“ hat ein Büro in Gries angemietet – und verkauft Wasserfilterungsanlagen.

    von Artur Oberhofer

    Die Bewohner des Kondominiums in der Armando-Diaz-Straße in Bozen sind nicht sehr gesprächig. „Keine Ahnung.“ „Weiß von nichts.“ „Fragen Sie bei den Herrschaften im letzten Stock.“ „Nichts bemerkt.“

    Die Irritation ist verständlich.

    Denn in dem Kondominium im Stadtviertel Gries hat sich eine der schillerndsten Figuren der italienischen Kriminalgeschichte eingemietet: Der ehemalige Mafiaboss Felice Maniero, besser bekannt als das „Engelsgesicht“ („faccia d’angelo“).

    Felice Maniero, 61, führte einen der berüchtigtsten Clans Italiens an: Die „Mala del Brenta“. Die Bande raubte in den 80er- bis 80er-Jahren im Dreieck Mestre-Padua-Chioggia Banken, Postämter, Geldtransporter und Geschäfte aus, Maniero & Co. handelten mit Waffen und Drogen. Das Casino von Venedig war in der Hand von Manieros Leuten. Und immer wieder gab es Tote.

    Später beschäftigten sich Soziologen (Ilvio Diamanti) und Buchautoren (Massimo Carlotto) mit dem Phänomen Maniero.

    Der Grund: Felice Maniero war ein sehr kreativer Verbrecher. Mehrere Male gelang es dem Engelsgesicht mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam zu machen.

    So gab es im Oktober 1991 ein Medienspektakel, als Felice Manieros Männer in der Basilica von Padua das Kinn des Heiligen Antonius stahlen. Das Engelsgesicht wollte mit dem Reliquiendiebstahl die Freilassung seines inhaftierten Cousins erwirken. Am Ende bekam Felice Maniero für das Kinn des Heiligen Antonius nicht seinen Cousin, aber immerhin Lösegeld.

    Und mehrmals gelangen Felice Maniero spektakuläre Gefängnisausbrüche. 1987 flüchtete er aus dem Gefängnis von Fossombrone. 1993 wurde er auf eine Yacht vor Carpi verhaftet. Im Gefängnis von Vicenza versuchte Felice Maniero das Wachpersonal zu bestechen. Der Fluchtversuch scheiterte, weil zwei Wärter, denen Maniero jeweils 80 Millionen Lire versprochen hatte, ein schlechtes Gewissen bekamen und die Fluchtpläne verrieten.

    1994 gelang Felice Maniero die Flucht aus dem Gefängnis von Padua. Wiederum hatte der Boss Wärter bestochen.

    Im November 1994 wurde Felice Maniero verhaftet und später zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Februar 1995 wandelte sich Maniero zum „pentito“ und packte aus. Aufgrund seiner Aussagen konnten zahlreiche Bandenmitglieder verhaftet werden. Und wiederum gab es einen Skandal, als bekanntwurde, dass der reuige Ex-Boss mit seiner Familie in einer herrschaftlichen Villa untergebracht war.

    Am 23. August 2010 wurde Felice Maniero aus dem Gefängnis entlassen. Er bekam eine neue Identität.

    Bereits im Juni dieses Jahres hatten die Reporter des Rai Tre-Magazins „Report“ Hintergründe zum zweiten Leben des Ex-Bosses enthüllt. So war bekannt geworden, dass Felice Maniero unter dem Namen Luca Mori und gemeinsam mit seinem Sohn eine Firma für Wasseraufbereitung betreibt: die „Anyacquae GmbH”.

    Zu den Kunden dieser Firma gehörten zahlreiche italienische Gemeinden. Von Bari bis Rimini: Überall wurden die Wasserfilteranlagen gekauft. Der Provinz Bari stiftete der Firmenchef Luca Mori einen Behindertenbus. Bei der Einweihung der neuen Wasseraufbereitungsanlage war auch der Bischof mit dabei.

    Und vom Entwicklungsministerium in Rom hatte Luca Mori für seine innovativen Produkte mehrere Gütesiegel bekommen.

    Zuerst hatte diese Firma ihren Sitz in der Gemeinde Campolongo Maggiore, es ist dies Felice Manieros Geburtsort. Die Firma war in der Via Comunale 7 gemeldet, eine Adresse, die es gar nicht gibt, sondern die in der Gemeinde Campolongo Maggiore dazu verwendet wird, Obdachlose zu registrieren.

    Nachdem er aufgeflogen war, hat Felice Maniero seinen Firmensitz nach Südtirol verlegt. Die „Anyacquae GmbH“ ist jetzt in der Bozner Handelskammer eingetragen.

    +++ LESEN SIE IN DER PRINT-AUSGABE:

    • Wo sich der Firmensitz befindet.
    • Und: Warum die Bewohner des Kondominiums besorgt sind.

     

     

     

     

     

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