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    „Wir sind alle Verbrecher“

    Bilderbuch: Wer sagt denn, dass nur Beyoncè von ihrem Hintern singen darf? (Foto: Christoph Pöll)

    Bilderbuch: Wer sagt denn, dass nur Beyoncè von ihrem Hintern singen darf? (Foto: Christoph Pöll)

    Die österreichische Band „Bilderbuch“ mischt derzeit die deutschsprachige Popszene mit sexy Popmusik, gekonntem Hinternwackeln und raffinierter Intellektualität auf. Am Samstag tritt sie im Ufo Bruneck auf. Ein Gespräch mit dem Sänger Maurice Ernst.

    Tageszeitung: Hallo Maurice, sind grad Rudel von Mädels hinter Ihrem Hintern her, oder können Sie ungestört reden?

    Maurice Ernst: Man schafft sich schon seine Räume, wo man auch mal ungestört, und fernab vom ganzen Trubel sein kann. Es wird aber in letzter Zeit tatsächlich immer schwieriger privat zu sein.

    „Sag es laut / Jaul es raus / Gib es zu / Du bist hinter meinem Hintern her“ heißt die Liedzeile im Titelsong „Schick Schock“. Sind die österreichischen Madln so Hintern fixiert oder ist das der gelobte Wiener Schmäh?

    Das hat weder mit den österreichischen Mädchen noch mit dem so oft zitierten Wiener Schmäh so zu tun. Wir machen sexy Popmusik, was heißt das wir auch nicht davor zurückschrecken herkömmliche Grenzen zu überschreiten oder Neues zu probieren. Wer sagt denn, dass nur Beyoncè von ihrem Hintern singen darf?

    Sie sind ein Klosterschüler. Lernt man dort das Hinternwackeln?

    Das Hinternwackeln haben wir uns schon selbst beigebracht. Das musst du irgendwie auch im Blut haben! Dazu brauchten wir auf jeden Fall wir keine geistliche Unterstützung.

    „Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal“ lautet eine weitere Textzeile. Klingt, als ob Sie ein versauter Existenzialist wären. 

    Ich finde, dass dieses Zitat am besten vereint, was es an großer deutschsprachiger Musik derzeit gibt. Wir vereinen und zitieren mit einem Satz intellektuelle Indie Bands wie Tocotronic und bodenlosen Gangsta-Rap, witzeln darüber und positionieren uns gleichzeitig in der Mitte. Wir denken definitiv über unsere Texte nach, es darf aber schon auch Spaß machen.

    Ihre Band Bilderbuch will mehr Sex in die deutschsprachige Popwelt bringen. An dieser Aufgabe würde sogar Sisyphos verzweifeln.

    Das ist ein älteres Zitat, das immer wieder falsch verstanden wurde. Wir wollen keine platten Sexismen in unserer Musik, wie man sie in sehr vielen deutschsprachigen Hip-Hop Songs findet. Uns geht es um Sexyness. Bei deutschsprachiger Musik scheint immer alles fein und korrekt oder eben überbordend sexistisch sein zu müssen. Keiner traut sich wirklich was. Wir wollten da Grenzen überschreiten. Außerdem muss man, um über Sex zu singen, auch immer mit etwas Witz an die Sache rangehen. Wir kokettieren auch damit. Und ich finde, wir haben das auf unserer Platte sehr gut hinbekommen.

    Österreich wird seit Sigmund Freuds Flucht nach England und Falcos Tod ja nicht gerade mit Hocherotik identifiziert. Sie haben Psychologie studiert. Wie steht es denn um den Sex in Ihrer Generation?

    Dass Sex eines der stärksten Themen der Menschheit ist, dem kann man wohl nichts entgegenstellen. Das ist nach wie vor der Fall. Auch in Österreich. Ich finde aber, dass es hierzulande kaum Künstler gibt, die sich spannend mit Sex auseinandersetzen – vor allem sprachlich. Das könnte auch ein Problem der Generation sein. Wer Oberflächliches, Plumpes oder Stereotypes haben möchte, wird relativ schnell glücklich. Es fehlt das feingliedrige, ambivalente und witzige Element.

    Luxuriöser Lamborghini, präpotent schickes Auftreten – sind das die Tagträume Ihrer Generation?

    Natürlich lockt Luxus, keine Frage. Genau mit diesem Sujets beschäftigen wir uns auch. Uns geht es aber nicht um die Verbreitung einer hedonistischen Lebensweise. Wir spielen uns gerne sowohl bildlich als auch textlich mit Luxusbildern, verqueren und verwursteln die. Der Lamborghini wird im Maschin-Video auf technische Kleinigkeiten und Ästhetisches reduziert. Dadurch verliert er das plump Protzige. Mir persönlich sind schnelle Autos ehrlich gesagt relativ egal.

    Die Texte von Bilderbuch scheinen immun gegen alles zu sein, was momentan in der Welt passiert: Flüchtlingsnot, Finanzkrise. Was für eine Haltung hat denn Ihre Musik?

    Das stimmt nicht. Wir schreiben zwar keine Texte, in denen wir Anderen unsere Haltung auf dem Silbertablett servieren oder sogar aufzwingen wollen. Wir schreiben auch keine politischen Manifeste und wollen durch unsere Texte niemanden direkt von einer Sache überzeugen. Wir denken eher um die Ecke, halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Es geht darum, dass Fragen aufgeworfen werden sollen, nicht um die Präsentation von Lösungen. Es geht auch gar nicht darum, welche Aussage die Texte für uns haben, sondern vielmehr darum, was die Leute damit machen.

    Bilderbuch singt Songs von und für Wohlstandskinder, die eigentlich keinen Grund zum rebellieren haben. Gibt es irgendwo einen Feind, gegen den man noch rebellieren kann?

    Geld, Angst und Stereotypen regieren die Welt. Natürlich gibt es sehr viele Dinge, gegen die es zu rebellieren gilt. Wir sollten alle viel öfter aufstehen, aktiv werden und laut „Nein“ schreien. Wir singen auch in unseren Songs davon und werfen Fragen auf. Natürlich könnte es in Plansch darum gehen, dass wir einen gemütlichen Tag im Freibad verbringen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Es könnte aber auch um die Frage gehen, was wir tun, wenn wir nicht glücklich mit den Lebensweisen sind, die uns die Gesellschaft praktisch aufzwingt. Wir singen in keinem unserer Songs: „Kauf dir einen Lamborghini und die zweitausend Euro Jacke von Louis Vuitton! Es ist egal was du tust, weil es ist alles so wunderschön.“

    In „Willkommen im Dschungel“ hört man, dass Sie sich so „verbrecherisch“ fühlen. Ist das eine anti-bürgerliche Pose, ohne die man in der Popwelt nicht weit kommt?

    Die Frage ist, ob nicht die schlimmsten Verbrecher diejenigen sind, die Sie als „bürgerlich“ bezeichnen. Wir sind alle Verbrecher. Manche werden zu Verbrechern gemacht, andere sinds und keiner sagt was. Es ist wirklich ein Jammer.

    Es gab einmal den legendären Austro-Pop. Was halten Sie von Ihren Ahnen?

    Wir sind Kinder der 90er und insofern von der Austropop-Welle der 70er und 80er nur gestreift worden. Wir haben alle in den Autoradios unserer Eltern, den ein oder andern österreichischen Evergreen gehört. Natürlich wirst du davon auch irgendwie inspiriert. Wirklich gefunkt hat es aber bei Falco. Das erste Album „Einzelhaft“ muss man definitiv gehört haben. Das hat auch soviel Charme und vor allem klingt es sowohl musikalisch als auch textlich noch relativ modern, obwohl es mittlerweile fast 35 Jahre alt ist.

    Was inspiriert Sie zu einem Song?

    Das sind die unterschiedlichsten Dinge. Manchmal sind das konkrete Situationen, die einem im Leben begegnen, die man direkt in Texte einbauen möchte. Manchmal ist das nur der Klang von einem Wort, manchmal ein spezieller Gitarrensound, manchmal ein Beat. Manchmal auch die Musik von anderen Acts. Wir möchten bessere Popmusik machen, wie alle unsere Zeitgenossen, das motiviert.

    Die Musik von Bilderbuch verwurschtelt so ziemlich alles, was im Klangarchiv steckt. Ist es ok, sich überall bedienen zu können?

    Warum nicht? Wir bedienen uns an allem möglichen und kreieren da Neues, wo wir neue Kontexte herstellen. Wie ist Kunst bisher entstanden? Wir zitieren und verdrehen. Das Neue entstehen immer aus der Beschäftigung mit dem Alten. Die Frage ist nur wie ich kombiniere. Gerade heute im Zeitalter von Spotify habe ich die Chance mir alles mögliche anzuhören, was Künstler vor mir gemacht haben. Warum sollte ich das nicht auch nutzen?

    Stimmt es, dass der Name „Bilderbuch“ daher kommt, dass Sie als Schüler Märchen vertont haben?

    Ja, wir haben begonnen Märchentexte zu vertonen. Besonders gerne die Struwwelpeter-Geschichten. Das Brutale an diesen kleinen Reimen ist, dass sie extrem morbid und grauslich sind und trotzdem in dieser Zeit explizit für Kinder geschrieben wurden. Außerdem mussten wir uns dadurch am Anfang nicht mit dem Texten auseinandersetzen. Wir konnten einfach nur Musik machen und sehr viele Leute fanden die Idee gut genug, um uns für Auftritte zu engagieren. Wir haben mit dieser Idee innerhalb des Kreises der kleinen österreichischen Indie-Bands schon ordentlich rausgestochen.

    Die Zeitschrift „GQ“ hat Sie zum bestangezogenen Mann Österreichs gewählt. Ist das ein Kompliment oder ein Grund, die Garderobe zu wechseln?

    Für uns ist Mode schon ein wichtiger Bestandteil, schließlich gehört Mode zum Pop dazu. Es ist schon toll. Garderobe wechseln tun wir sowieso quasi ständig.

    Interview: Heinrich Schwazer

     

    Bilderbuch im Ufo Bruneck

    Bilderbuch, die Überflieger aus Österreich, kommen wieder in die Alpenregion, um ihren Fans sexy Musik zu bringen. Ihr Song zum famosen Lamborghini Video „Maschin“, der mittlerweile Kultstatus hat, lief auf Sendern wie FM4 auf und ab brachte der Band den Amadeus Award ein. Im Februar 2015 erschien unter eigenem Label das Album „Schick Schock“, welches den Hype der Indie-Pop-Band fortsetzte. In Bozen hatten Maurice Ernst und seine Mannen Ende Mai ihren ersten Auftritt in Italien. Die Stimmen aus dem Publikum damals: Geschlossene Begeisterung. Nett, charmant und voller Power. Klasse Musiker, coole Typen! Die Show im Mai endete mit den Sätzen „Wir kommen wieder!“ Und genau das tun Maurice, Philipp, Peter und Michael jetzt… Sie kommen wieder!

    Termin: 10. Oktober um 20.00 Uhr im Ufo Bruneck. www.ufobruneck.it

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    Kommentare (1)

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    • Mann

      Habe mir eben ein paar Live-und official Videos angesehen und muss sagen, dass sie nicht schlecht sind. Neue Musik, sehr schwer zu covern und im Gegensatz zu dieser Brixner Band (mir fällt im Moment der Name nicht ein *gg*) beherrschen alle ihre Innstrumente ausgezeichnet. Es ist zwar nicht unbedingt mein Genre, aber von diesen Herren wird man in Zukunft sicher noch sehr viel hòren. Weil sie anders sind. Kompliment

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