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    „Ich führe kein Diva-Leben“

    Ute Lemper: Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und eine Aura zu verbreiten.(Foto: Wolfgang Stahr)

    Ute Lemper: Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und eine Aura zu verbreiten.(Foto: Wolfgang Stahr)

    Ute Lemper ist ein Weltstar, eine Musical-Größe, eine Chanson-Diva, die „zweite Marlene Dietrich“ und Mutter von vier Kindern. Am 18. September ist sie im Rahmen der Festspiele Südtirol in Toblach mit ihrem neuen Programm „Last Tango in Berlin“ zu Gast. Ein Gespräch über die brennende Welt, den Wahlkampf in Amerika, ihr Diva-Image und Mutterwerden mit 48 Jahren.

    Tageszeitung: Frau Lemper, New York scheint im Vergleich zu Europa momentan ein sicherer Hafen zu sein. Berührt oder erschüttert Sie die Flüchtlingskrise an den Grenzen Europas?

    Ute Lemper: Das ist furchtbar, das Titelblatt der New York Times ist fast täglich voll mit Geschichten und Bildern von Kindern und Müttern auf der Flucht. Die Amerikaner haben natürlich ihre eigenen Probleme, aber es wird sehr aufmerksam verfolgt., was in Europa passiert Ich war jüngst in Athen und habe am eigenen Leib erlebt, wie Scharen von Kindern in den Straßen betteln. Es tut einem im Herzen weh zu sehen, dass unsere Gesellschaft nicht in der Lage ist, zumindest die Kinder und die Mütter zu beschützen.

    Was kann Kunst, was können Lieder angesichts dieser Tragödie bewirken?

    Gar nichts. Musik und Lieder können die Sensibilität und damit die Humanität eines jeden ansprechen, aber gegen eine Krise wie die Flüchtlingskatastrohe kann man mit Liedern nichts ausrichten. Das kann nur die Politik in den einzelnen Ländern lösen. Voraussetzung ist, keine Angst vor den Immigranten zu haben und die Grenzen nicht zu schließen.

    Es heißt, böse Menschen haben keine Lieder. Können Sie damit etwas anfangen?

    Oh doch, böse Menschen haben auch ihre Lieder, das haben wir ja bei den Nazis gesehen. Sie haben andere Arten von Liedern. Musik wurde im Laufe der Geschichte tausend Mal missbraucht, aber der Urschrei der Musik ist der Schmerz und der Aufruf zur Menschlichkeit. Musik hat immer viel viel Gutes ausgedrückt, aber auch Schlechtes.

    Die Welt brennt an allen Ecken und Enden. Was denken Sie, wenn Sie an die Zukunft denken?

    Hat die Welt jemals nicht gebrannt? Ich glaube nicht. Durch die Globalisierung und die Medien bekommen wir nur alles sofort mit, Genozid und Völkerwanderungen gab es immer und hat nicht speziell mit unserer Zeit zu tun, sondern mit der Böswilligkeit, Brutalität und Intoleranz von Menschen.

    Ihre Lieder handeln ja auch von der brennenden Welt.

    Meine Lieber fangen in den 20er Jahren zur Zeit der Weimarer Republik an bis zu den 30ern, als die Nazis die Macht übernommen haben. Aus der Zeit danach singe ich Lieder aus den Konzentrationslagern, die von jüdischen Gefangenen in Auschwitz und Theresienstadt geschrieben wurden. Ich habe in meinen Forschungen geradezu unfassbares Liedmaterial aus dieser Zeit gefunden. Einige davon werde ich auch in Toblach singen, da es mir heuer besonders wichtig ist, an den Holocaust zu erinnern. Aus der Nachkriegszeit singe ich französische Lieder aus der Zeit des Existenzialismus. Auch Pablo Neruda kommt vor, der ein sehr politischer Autor war und Paolo Coelho, der eine spirituelle Richtung repräsentiert.

    Das sind alles sehr melancholische Dichter. Sie haben aber auch Charles Bukowski im Programm. Wie passt der „Dirty old Man“ der amerikanischen Literatur in Ihre Liedauswahl?

    Bukowski ist natürlich der Dirty old Man und completly crazy, aber er hat auch eine melancholische Seite. Der Realismus, die Direktheit und Vermaultheit seiner Poesie inspirieren mich. Sie erinnert mich an Bert Brecht. Er hat viel Shit geschrieben, aber auch wahnsinnig interessante Texte über das Leben, die Politik, die Gesellschaft und den Menschen überhaupt. Seine besten Gedichte erinnern mich an Jaques Brel, der auch die alltäglichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen der Menschen beobachtet. Das lässt sich sehr theatralisch umsetzen.

    Noch eine politische Frage: In den USA laufen die Vorwahlen für die Präsidentschaftswahlen. Was fällt Ihnen zu einem Mann wie Donald Trump ein?

    Trump ist bei mir um die Ecke. Als ich nach New York gezogen bin, war auf diesem Fleck noch eine Graslandschaft, jetzt hat Trump hier zehn Türme hingestellt. So wie er sich in den Reality-Shows darstellt, wirkt er wie eine Witzfigur, aber er ist natürlich ein unglaublich brutaler Geschäftsmann und ein totaler Kapitalist. Er hat schon etwas Faszinierendes durch seine Lebensgeschichte, die ihn von einem Niemand zu einem der größten Immobilienbesitzer Amerikas gemacht hat. Im Moment fasziniert er die Amerikaner, weil er den Mut hat, auf die Pauke zu hauen und er ist natürlich ganz anders als Obama, der viel feinsinniger ist. Obama hat vieles verändert in Amerika und ich hoffe, dass Hillary Clinton es schafft, seinen Weg weiterzugehen.

    Glauben Sie, Hillary schafft es, als erste Frau in das Oval Office einzuziehen?

    Ute Lemper: Auch böse Menschen haben ihre Lieder.

    Ute Lemper: Auch böse Menschen haben ihre Lieder.

    Ja, wenn Obama es geschafft hat, kann sie es auch schaffen. Sie hat durch ihre Jahre als First Lady und als Außenministerin unglaublich viel Erfahrung gesammelt. Ich wünsche es ihr sehr, aber man weiß ja nie in Amerika. Die Hälfte des Landes ist unglaublich reaktionär und konservativ und lässt sich total von den Medien beeinflussen.

    Denkt man an Ute Lemper, denkt man an eine Diva. Das Diva-Sein – fällt einem das in den Schoß, wird man damit geboren oder wie lernt man das?

    Wenn ich mein Leben anschaue, ist es kein Diva-Leben. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und eine Aura zu verbreiten, meine Vision von Musik dem Publikum zu vermitteln und Geschichten zu erzählen. Das erfüllt mich mit Stolz und ich fühle mich sehr sicher in meiner Haut. Aber das ganze Drumherum, das Tourleben, ist sehr anstrengend. Ich habe vier Kinder großgezogen, zwei davon sind noch klein, da ist kein Platz für Diva. In einer Familie zählt nur, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, anpacken, rennen und selbstlos sich aufgeben, um das Schiff irgendwie durch den Ozean zu steuern. Manchmal fragt man sich schon: Habe ich auch mal fünf Minuten für mich selbst? Wenn ich eine Stunde herausschlagen kann, in der ich Musik machen, Klavier spielen oder Texte suchen kann, dann ist das schon ein Riesenerlebnis für mich. Ich bin einfach auch erschöpft von dem alltäglichen Leben, es ist einfach der Wahnsinn mit den Kindern. Zwei sind ja schon groß, aber die kleinen brauchen halt ständig Aufmerksamkeit.

    Ihr letztes Kind bekamen Sie im Alter von 48 Jahren. Das klingt nach einem biologischen Wunder.

    Also bei mir läuft das alles noch ziemlich gut, es ist alles noch zeugungsfähig wie man sagt. Das Kind war nicht geplant und als ich schwanger wurde, habe ich natürlich sofort alle Tests gemacht, weil man in diesem Alter natürlich glaubt, das kann ja nicht hinhauen. Körperlich war die Schwangerschaft überhaupt kein Problem, eigentlich ein Zuckerschlecken. Kein Zuckerschlecken ist, sich in diesem Alter noch einmal voll darauf einzulassen. Ein Kind großzuziehen, erfordert eine unglaubliche Hingabe und bringt viele Sorgen, die immer dabei sind. Allein eine kleine Kinderkrankheit macht mich schon ganz fertig. Wenn ich sehe , wie die Kleinen leiden, leide ich noch mehr als sie.

    Kinder, Küche, eine Weltkarriere? Wie geht das alles in 24 Stunden zusammen?

    Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass es einfach ist. Wenn ich auch Tour bin, zieht die Nanny bei uns ein und mein Mann ist immer da. Die großen Kinder helfen natürlich auch aus und sorgen für viel Action. Das ist das, was Kinder wollen. Immer nur Action.

    Sie leben schon lange in New York. Sagt Ihnen der Begriff Heimat etwas?

    Heimat bedeutet mir nicht so viel. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, insofern ist es meine Heimat, aber ich verspüre nicht ein Schnippchen von Wehmut. Ich vermisse es nicht. Wir leben in New York in einer schönen Umgebung auf der Upper West Side, der Central Park ist in der Nähe, auf meiner Dachterrasse wachsen so viele Pflanzen, dass ich es meine kleine Toskana nenne. Ich vermisse natürlich Europa, Paris vor allem, diese poetische Stadt, und auch Berlin. Wenn ich keine Familie hätte, würde ich sicher halbjährig in Europa leben, aber die Kinder wollen das nicht.

    Waren Sie schon einmal in Südtirol?

    Ich bin mir nicht sicher, irgendwo in der Nähe war ich sicher einmal.

    Sie sind kein Bergfex?

    Ich liebe die Berge aber Bergsteigen passt nicht in meinen Zeitplan. Früher bin ich auch zum Skifahren gegangen, aber das geht jetzt nach ein paar rausgefallenen Bandscheiben nicht mehr.

    Eine letzte Frage: Was möchten Sie in Ihrem Leben unbedingt noch machen?

    Ich habe kein großes Ziel, ich richte einfach jeden Tag so ein, dass ich glücklich sein kann.

    Interview: Heinrich Schwazer

     

     

    Zur Person

    Ute Lemper wurde in Münster geboren. Sie studierte Tanz am „Institut für Tanz“ in Köln und Schauspiel am Max-Reinhard-Seminar in Wien. Ihr professionelles Debut am Theater hatte sie mit dem Fassbinder-Stück „Katzelbacher“ am Stuttgarter Staatstheater. Ihr großer Durchbruch gelang ihr mit ihren Rollen in der Wiener Original-Produktion von „Cats“, als Peter Pan in dem gleichnamigen Musical in Berlin und mit „Cabaret“ in Paris, wo sie für ihre Rolle der Sally Bowles den Moliere Award als Beste Darstellerin erhielt. Nach einer Zusammenarbeit mit Pina Bausch und ihrem Tanztheater führte sie ihr Weg ins Londoner West End, wo sie die Rolle der Velma Kelly in dem Musical „Chicago“ spielte, für die sie mit dem Laurence Olivier Award geehrt wurde. Nach einem Jahr wechselte sie zu der Produktion von „Chicago“ an den Broadway in New York, wo sie endgültig Weltruf erlangte und als „German Cabaret Legend“, gefeiert wird. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern in New York. Nach ihrer Musical-Karriere gastiert sie mit ihren Solo-Konzerten in renommierten Konzerthäusern in der ganzen Welt und tritt als Star-Gast mit Symphonieorchestern auf.

    Am 18. September ist sie auf Einladung der Festspiele Südtirol im Grand Hotel Toblach mit ihrem Programm „Last Tango in Berlin“ zu Gast.

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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    Kommentare (1)

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    • Puschtra Steffl

      Ähh, welche Frauen und Kinder? In den Medien werden doch hauptsächlich junge, gut genährte Männer gezeigt, die freudig ihre Smartphones in die Luft halten. Ich glaube Frau Lemper’s Sicht auf die Welt aus ihrer New Yorker Luxuswohnung hat wenig mit der Realität zu tun.

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