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    Mehr Musiker als Pianist

    Jörg Demus, Busonipreisträger des Jahres 1956: Ich selbst habe eigentlich keine Karriere als Pianist gemacht, sondern eine Karriere als Musiker. (Foto: Gregor Khuen Belasi)

    Jörg Demus, Busonipreisträger des Jahres 1956: Ich selbst habe eigentlich keine Karriere als Pianist gemacht, sondern eine Karriere als Musiker. (Foto: Gregor Khuen Belasi)

    Morgen beginnt das mit Hochspannung erwartete Finale des 60. Internationalen Klavierwettbewerbes Ferruccio Busoni. Die Jury ist bis auf eine Ausnahme ausschließlich mit Busoni-PreisträgerInnen verschiedener Jahrzehnte besetzt. Präsident ist der Österreicher Jörg Demus, der den Preis im Jahr 1956 gewann – ein Gespräch.

    Tageszeitung: Herr Demus, wie stark hat der Busoni-Preis im Jahr 1956 zu ihrer Karriere als Pianist beigetragen?

    Jörg Demus: Ich selbst habe eigentlich keine Karriere als Pianist gemacht, sondern eine Karriere als Musiker. Der Busoni-Preis hat mir vor allem als Bachspieler geholfen, der ich mit dem „Wohltemperierten Klavier“ und den Goldbergvariationen schon seit meiner frühen Jugend war. Prägend war auch meine langjährige Zusammenarbeit mit dem größten Liedersänger aller Zeiten, Dietrich Fischer-Dieskau. Und ich habe ein breites Repertoire und viel Kammermusik gemacht, meine Mutter war Geigerin, ich spreche also immer lieber von einer Karriere als Musiker, nicht als Pianist, aber der Busoni-Preis hat zu diesem Weg sehr gut beigetragen.

    Es gibt ein schönes Foto mit Ihnen und dem Mitbegründer des Busoni Klavierwettbewerbes, Arturo Benedetti Michelangeli: kannten Sie ihn näher?

    Demus mit Arturo Benedetti Michelangeli: Michelangeli war ein Mythos und näher hat ihn glaube ich niemand gekannt, vielleicht seine Frau, obwohl ich auch das bezweifeln möchte.

    Demus mit Arturo Benedetti Michelangeli: Michelangeli war ein Mythos und näher hat ihn glaube ich niemand gekannt, vielleicht seine Frau, obwohl ich auch das bezweifeln möchte.

    Michelangeli war ein Mythos und näher hat ihn glaube ich niemand gekannt, vielleicht seine Frau, obwohl ich auch das bezweifeln möchte. Aber ich habe zwei Sommerkurse bei ihm belegt, einen davon in Bozen. Am Anfang war er sehr streng mit mir, aber dann hat er gesehen, dass ich alles so gut machen möchte, wie ich nur kann, und dann hat er mich glaube ich schon geschätzt. Von „Nahekommen“ kann man aber wahrhaft nicht sprechen.

    Wenn Sie auf Ihr eigenes Leben als Konzertpianist zurückblicken: Gibt es da Konstanten? Gab es Brüche?

    Gott sei dank gibt es bei mir keinen Bruch, denn jeder Bruch bedeutet einen sehr großen Zeitverlust. Mit 11 Jahren bin ich in Wien aufs Konservatorium gekommen, die beste Schule die wir in Österreich hatten, und von da an war mein Lebensinhalt Musik in allen Richtungen. Ich habe auch Orgel studiert, das hat mich zu einem Musiker gemacht, der ich bis heute, mit 86 Jahren, geblieben bin.

    Sie treten seit einiger Zeit wieder vermehrt und mit großem Erfolg in Asien auf. Welche Rolle werden Länder wie China, Japan und Südkorea im künftigen klassischen Musikleben einnehmen?

    Ich glaube, die große tonale Musik Europas, die vom 17. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg entstand, ist für Menschen geschrieben. Mit Hilfe der richtigen Lehrer können die herausragenden jungen Musiker aus Asien diese Musik genauso verstehen und lieben, wie ich sie mein ganzes Leben lang geliebt habe.

    Sie betreiben auch ein eigenes Klaviermuseum am Attersee mit den unterschiedlichsten Instrumenten aller Epochen: wie steht es denn um die Instrumente, die heute die Konzertsäle dieser Welt bevölkern? Kann man von einer Vereinheitlichung des Klavierklanges sprechen?

    Es haben sich ja nicht nur die Instrumente geändert, sondern unser ganzes Leben. Und auch das Publikum und die Säle haben sich geändert. In einem großen heutigen Konzertsaal ist ein Flügel von Steinway, Fazioli oder Bösendorfer natürlich das einzig Richtige. Wenn man aber Tonaufnahmen anfertigt, wie ich sie bei mir im Klaviermuseum viel gemacht habe, dann kann man das Mikrophon so stellen, dass auch der bescheidenere Klang gut herauskommt. Für Tonaufnahmen sind diese Instrumente sehr lehrreich, wir sehen eben, wie es für die Ohren eines Mozart, Haydn, Schubert oder Schumann wirklich geklungen hat.

    Haben Sie einen Rat für die angehenden jungen Konzertpianisten, die sich heute diesem Beruf stellen wollen?

    Ganz einfach: Entweder die Musik zu lieben, mehr als alles andere, und ihr sein ganzes Leben zu opfern, oder besser etwas anderes zu machen.

    In den ersten Durchgängen mit Orchester ersetzen in diesem Jahr beim Busoni die Beethovenkonzerte das sonst verpflichtende Mozartkonzert. Was wird dieses Repertoire sichtbar machen, was fordert es?

    Die Konzerte Beethovens sind eine Begleitung seines Lebens. Das, was man beim frühesten Konzert – dem zweiten, das vor dem ersten entstanden ist – braucht, ist noch lange nicht genug für das vierte und fünfte. Man muss mit Beethoven sozusagen mitwachsen. Ich selbst habe in meiner Konzertaktivität mit den ersten beiden Konzerten begonnen, dann kam das dritte, dann das fünfte und dann, und das ist vermutlich auch das schwierigste, das vierte Konzert für Klavier und Orchester. Man muss also vielleicht auch ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte vergehen lassen, um diesen Bogen von Beethovens Lebenswerk und seiner Entwicklung mitzuzeichnen.

    Ist das spätere Repertoire also für die ganz jungen Musiker vielleicht sogar ungeeignet?

    Das würde ich nicht sagen. Ein wirkliches Talent kann viele Sachen erfühlen, das sieht man ja schon bei den Komponisten: Es gibt Werke, die Mozart oder Schubert mit 20 Jahren geschrieben haben, die A-Dur Symphonie oder der Erlkönig, die sind ganz unglaublich und auf der größten künstlerischen Höhe. Es ist nicht nur eine Frage der Arbeit und der Lehre, sondern des Talentes. Wenn heute ein 20jähriger kommt und mir das 4. Beethovenkonzert liebevoll und schön vorspielt – dann bin ich nur beglückt.

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