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    Der Heilige Geist im Hubble-Teleskop

    Malerei von Hannes Vonmetz Schiano: Der Zahn der Vernichtung nagt von unten an der Pracht.

    Malerei von Hannes Vonmetz Schiano: Der Zahn der Vernichtung nagt von unten an der Pracht.

    Zum Golde drängt die Kunst, aber warum? Hannes Vonmetz Schiano zeigt in der Raiffeisenkasse Brixen seine alchemistisch-kosmologisch inspirierten Bilder.

    Von Heinrich Schwazer

    Leon Battista Alberti war unerbittlich. In seinem 1436 erschienen Grundsatzwerk „De pictura“ lehnte der Humanist, Baumeister und Universalgelehrte die Verwendung von Gold in der Malerei rundweg ab. „Es gibt Maler, die in ihren Bildern viel Gold verwenden, weil sie meinen, das verleihe diesen Erhabenheit. Ich kann das nicht loben.“, schreibt er. Sein Rat an die Maler: Goldene Gegenstände nicht mehr mit Gold, sondern durch die geschickte Verwendung von Gelb und Weiß darzustellen.

    Die Forderung war hart. Die Kirche und die gesamte mittelalterliche Kunst waren geradezu besessen von Gold Für das Christentum war Gold direkt dem Göttlichen zugeordnet, es stand für eine Lichtmetaphysik, die das materielle Licht der Welt als Abbild des Göttlichen deutete – Gold war nichts weniger als Symbol für das Leuchten des Heiligen Geistes. Albertis Verdikt hat gewirkt. Der Verdacht, dass Gold eigentlich kunstfeindlich sei, weil die Käufer möglicherweise das kostbare Metall höher schätzen könnten als die Arbeit des Künstlers, war nicht von der Hand zu weisen. Marcel Broodthaers hat Albertis Verdacht über den Materialwert und den Kunstwert einst mit einer klugen Arbeit thematisiert. Der belgische Konzeptkünstler stellte einen maschinell hergestellten Goldbarren aus, dessen Wert er auf das Doppelte des jeweiligen Tageskurses des Goldes festlegte. Selbst ein so kostbares Metall wie Gold kann allein dadurch, dass es vom Künstler zu einem Kunstwerk erklärt wird, noch wertvoller werden.

    Jahrhunderte lang ließen die Maler die Finger davon, erst die Präraffaeliten trauten sich wieder an Gold als ein Symbol des „Reinen“ und „Erhabenen“ heran. Eine wahre Gold-Orgie entfesselte Gustav Klimt 1907 mit seinem berühmtesten Werk „Der Kuss“, um das Liebesglück und den Moment höchster Emotionalität in eine Sphäre fernab der Wirklichkeit zu versetzen und ihm Unvergänglichkeit zu verleihen.

    Danach gab es kein Halten mehr. In Strömen floss Gold durch die Kunst des 20. Jahrhundert. Yves Klein, Louise Nevelson, Robert Rauschenberg, Jannis Kounellis, Joseph Beuys und vor allem Andy Warhol ergaben sich dem Goldrausch. Warhol stellte Marilyn Monroe als Ikone des 20. Jahrhunderts in Gold dar – eng angelehnt an die Kultbilder der orthodoxen Kirche, aber nicht mehr als „Heilige Jungfrau“, sondern als „Sexsymbol, als „Heilige“ der amerikanischen Kultur.

    Was reizt die Künstler am Material Gold? Und was interessiert den 1976 geborenen Brixner Künstler Hannes Vonmetz Schiano daran? Die Raiffeisenkasse Brixen zeigt derzeit eine Serie seiner großformatigen goldenen Bilder, nebst einigen Collagen und abstrakten Malereien mit kosmischem Einschlag. Titel der Ausstellung: „Gold Rush“. Ein Titel, bei dem man nicht nicht an Charlie Chaplins gleichnamigen Film oder an Jack Londons Erzählungen denken kann, zumal der Künstler zeitweise in Los Angeles, Kalifornien lebt.

    hannesGold in die Bank tragen, das ist wie Eulen nach Athen bringen, aber was soll die Kunst in einer Bank sonst machen? Auch sie drängt, um Goethes Faust zu zitieren, eben zum Golde. Joseph Beuys hat darüber in Form einer legendären Aktion reflektiert, als er auf der documenta 1982 eine Nachbildung der Zarenkrone Iwan des Schrecklichen einschmelzen ließ. Gold war für den Erfinder der sozialen Skulptur eine Metapher für den desaströsen Zustand der Gesellschaft, den es zu verändern gelte. Nicht Gold (= Geld) sollte das Kapital der Gesellschaft sein, sondern die Kreativität jedes Einzelnen.

    In der Entsagung liegt das Gold. Die Persiflage ist da nicht weit weg – wer sie sehen will, darf sie sehen, doch sie ist nicht zentral. Zentral in den Bildern ist die Abarbeitung an der tonnenschweren Symbolik des Goldes, die immer beide Aspekte umfasst: Es symbolisiert sowohl Kapitalismus und Luxus, aber auch das genaue Gegenteil davon, Transzendenz und Spiritualität.

    Vonmetz´ Bilder konterkarieren alle diese Assoziationen allein durch ihre Machart. Für ein Luxusgut geht er bemerkenswert leger damit um. Die Bilder entstehen auf einer Schicht von Ölfarbe, über die er sehr flüssige Goldfarbe kippt. Durch Schwenken und Bewegen rinnt die Farbe über die Leinwand – die Bilder malen sich bis zu einem gewissen Grad selber. Strukturen bringt er mittels bernsteinfarbenen Schellack hinein, Pinselspuren sind jedoch sehr sparsam eingesetzt. Am unteren Rand der Bilder sieht man einen grünspanigen Rand, als hätte jemand sie unachtsam im Wasser stehen gelassen. Gold oxydiert nicht, aber der Zahn der Vernichtung nagt von unten an der Pracht.

    Das hat viel mit Chemie zu tun, mehr noch mit Alchemie. In Vonmetz´ Bildern ist Gold sowohl Farbe als auch Material, eine materialisierte Farbe, die die Bildfläche in einen imaginären Raum erweitert. Das Schwenken der Leinwand ist verwandt mit dem alchemistischen Schmelzvorgang, mit dem mindere Metalle zu Gold verwandelt werden sollten. Die Analogie geht aber noch weiter. Vonmetz´ jüngste Bilder sind von Aufnahmen des Weltraumteleskops „Hubble“ inspiriert, mit dem Astronomen in die Tiefe des Weltalls schauen. Auf den Collagen verwendet er Fotos davon und appliziert diese auf Goldflächen. Für die Alchemisten gehören Makrokosmos und Mikrokosmos real zueinander.

    Damit können Künstler viel anfangen, ist doch das Chaos das Potential, aus dem sich der Kosmos einst entwickelt hat und aus dem Chaos schöpft jede künstlerische Tätigkeit. Für den vom Steinerschen Okkultismus geprägten Beuys war jede gestalterische Aktivität eine Reaktualisierung des kosmischen Urbeginns. Vonmetz legt mit seinen Gold-Reflexionen eine Verlaufslinie von der mittelalterlichen Lichtmystik als „Vorschein“ des Himmels und des Heiligen Geistes zur Astrophysik Das Scheinen des Heiligen Geistes und der Blick in den Kosmos sind so weit nicht voneinander entfernt. Beide leben vom Versprechen, dass sich im unendlichen Raum ein „Mehr“ verbirgt.

    Termin: Die Ausstellung in der Raiffeisenkasse Brixen bleibt bis 14. August zugänglich.

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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