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    „Ich bin ein Geschichtenerzähler“

    Ivo Mahlknecht in seinem Atelier: Ich will die Zeit ausblenden.

    Ivo Mahlknecht in seinem Atelier: Ich will die Zeit ausblenden.

    Ivo Mahlknecht – das ist der Künstler, der Anfang der 1990er Jahre über Nacht eine erfolgreiche Karriere als neoexpressionistischer Maler abbrach, um fortan im Stile der Alten Meister Velasquez, Rembrandt und Vermeer zu malen. Die Kunstwelt hat ihn dafür gnadenlos abgestraft und ins Eck der virtuosen Kopisten gestellt. Kann man noch malen, als lebten wir noch in der Renaissance, im Barock oder in der Romantik, als hätte es die Abstraktion, die Konzeptkunst, den Minimalismus, die Pop Art nie gegeben? Ein Gespräch anlässlich seiner Ausstellung auf Schloss Welsperg.

    Tageszeitung: Herr Mahlknecht, wie war das mit der Malerei?

    Ivo Mahlknecht: Malerei stand nicht am Anfang, der Weg dahin führte über das Zeichnen. Auf der Akademie in Florenz habe ich mich vor allem mit Zeichnen und Druckgraphik befasst, weil man maltechnisch wenig lernen konnte. Eigentlich gar nichts. Die halbe Zeit wurde an der Akademie gestreikt. Etwas anderes als Zeichnen war gar nicht möglich. Ich habe die Akademie abgeschlossen, ohne etwas gelernt zu haben.

    Zeichnen ist nicht nichts.

    Zeichnen war prägend für mich, denn meine Bilder sind immer Geschichten. Bildergeschichten, Comics – das hat mir gefallen und war zeichnerisch am schnellsten zu machen.

    Auch in der Malerei?

    Absolut. Ich bin ein Erzähler, obwohl ein gutes Bild mit wenig Erzählung auskommen muss. Am Ende ist ein Bild Farbe, es darf sogar nur Farbe sein, aber es muss auch Anhaltspunkte für eine Geschichte enthalten.

    Der Übergang vom Zeichnen zum Malen – wann war das?

    Das war die Zeit, als ich mit Rudi Stingel in Meran ein gemeinsames Atelier hatte. In den 1980er Jahren, nach meinem Abgang von der Akademie. Wir hatten uns unter dem Vorsatz verschworen, Maler zu werden. Abstrakter Expressionismus, die Neuen Wilden – das zelebrierten wir. Sehr organisch, nichts Geometrisches, wir malten räumliche Farbfelder mit allen möglichen Materialien. Respekt hatten wir vor gar nichts. Bei mir hat sich das in Richtung Farbraumkörper entwickelt, die ich mit verschiedenen Malschichten überarbeitet habe. Es war ein richtiges Eintauchen in die Malerei. Und es war erfolgreich.

    Erfolgreich, aber auch das Ende dieser Malerei. Warum?

    Ich hatte irgendwann das Gefühl, mich mit dieser expressiven Malerei nur mehr zu wiederholen. Das passierte von einem Tag auf den anderen. Über Nacht habe ich beschlossen, so zu malen wie die Alten Meister.

    Kam es Ihnen beliebig vor?

    Das war es auch. Ich bin aufgestanden und habe darüber nachgedacht, welche Farbe mir heute gefällt: Blau, Gelb oder Rot? Stilistisch gab es nur zwei Möglichkeiten, entweder materisch oder geometrisch abstrakt. Beides wollte ich nicht, beides war keine Option für mich. Also habe ich beschlossen, ich male einen Velasquez oder einen Rubens. Das habe ich gemacht. Es war faszinierend und ist es heute noch.

    Klingt kokett: Ich male jetzt einen Velasquez.

    Ich wollte nicht malen wie Velasquez, ich wollte wissen, wie die Malerei der Alten funktioniert, wie ein barocker Kirchenmaler malt. Das war und ist schwierig, weil es ein rein mentaler Prozess ist und nicht bloß handwerkliches Können. Ich habe nie verstanden, was das sein soll. Die holländischen Stilllebenmaler haben sich auch nie als Handwerker gesehen. Der Begriff passt vielleicht auf Phasen des Manierismus, als sich die Maler auf das Reproduzieren stürzten, weil ihnen nichts mehr eingefallen ist.

    Wie soll man das glauben? Malen wie Velasquez ist doch höchstes Können.

    Natürlich, aber es ist kein Handwerk. Absolut nicht. Ein klassisches Bild zu interpretieren, geht weit über handwerkliche Virtuosität hinaus. Velasquez ist der Maler für Maler. Manet, Picasso, alle haben sich mit ihm beschäftigt. Er war der geniale Maler, der mit den wenigsten Mitteln das Maximale erreicht hat. Mit einer Palette von nur sechs Farben hat er Räume von überwältigender Ausstrahlung geschaffen.

    Wie lange haben Sie gebraucht, um sich Velasquez´ Maltechnik anzueignen?

    Das ging überraschend schnell. Es war wie das Lesen eines Kriminalromans. Schicht für Schicht aufdecken, wie er was gemacht hat.

    Welches Bild haben Sie gewählt?

    Das Bild „Der Wasserträger“. Ich habe das Bild kopiert, um es genau analysieren zu können. Auf dem Gemälde ist ein Tonkrug zu sehen, auf dem ein Wassertropfen herab rinnt. Dieser feuchte Fleck war die schwierigste Passage. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Velasquez zuerst den Tropfen und dann das Tonmaterial gemalt hat. Mittlerweile weiß ich vor jedem Bild, wo der Maler den ersten und wo er den letzten Strich gesetzt hat.

    Wie geht das?

    Ich schaue jedes Bild an, als ob ich es gemalt hätte.

    Ist Velasquez der Größte für Sie?

    Nein, es gibt andere, die ich gleich schätze. Vermeer, russische Landschaftsmaler, George De La Tour, den Stilllebenmaler Chardin. Es klingt komisch, aber zeitgenössische Maler können diesen Klassikern nicht das Wasser reichen. Ich kenne keinen zeitgenössischen Maler, der in puncto Farbklänge Vergleichbares schaffen würde.

    Nach dem Bruch mit der expressiven Malerei. Wie hat die Kunstwelt reagiert?

    Der Mythos Mahlknecht ist abgestraft worden. Ich wurde plötzlich wie ein Handwerker behandelt. Man wollte mir auf meinem Weg nicht folgen und heute noch fühle ich mich nicht akzeptiert. Ich wurde von guten Freunden richtig attackiert. Freiheit muss man eben bezahlen.

    Es hieß, der Ivo Mahknecht malt jetzt retro.

    (lacht) Retro, habe ich noch nie gehört. Was ist das? Ich halte mich für einen extrem avantgardistischen Maler.

    Egal, ob Ihnen die Kunstwelt dabei zustimmt?

    Das ist nicht mein Problem. Ich habe keinen Seelenvertrag unterschrieben, mit niemandem. Soll ich meine Untertänigkeit demonstrieren, indem ich male, was der Zeitgeist? Das ist sinnlos.

    Was ist Malerei für Sie?

    Ich halte mich für einen extrem avantgardistischen Maler.

    Ich halte mich für einen extrem avantgardistischen Maler.

    Malerei ist der gerechte Umgang mit Farben. Nicht der korrekte, der gerechte. Du darfst nicht lügen. Das rächt sich sofort, vor allem wenn es um Räume geht. Lasurmalerei ist seit dem Impressionismus zwar verpönt, aber sie ist trotzdem feiner, geistiger. Ich will einfach keine Einschränkungen hinnehmen. Das ist heutzutage nicht erwünscht, aber ich muss niemandem etwas beweisen. Meine einzige Angst ist, dass ich nicht mehr malen kann.

    Vielleicht entsprechen Sie nicht dem Künstlerklischee.

    Ich halte nichts von den Künstlerbildern, die so kursieren: Verschroben, depressiv, drogiert, krank oder ein Alkoholiker. Das habe ich nie verstanden. Warum sollte Malen nicht eine Freude sein? Natürlich gibt es Krisen, ständig eigentlich. Aber das Bild vom Künstler als leidender Christus gehört demontiert. Damit demontiert man auch diese ganze Finanzwirtschaft, die hinter dem Kunstmarkt steckt. Dieses Klischee gehört von den Künstlern demontiert, weil es einfach lachhaft ist.

    Kippenberger hat das mit seiner Froschskulptur gemacht.

    Kippenberger war gut.

    Wer oder was ist ein Künstler?

    Es klingt vermessen, aber irgendwie nimmt man als Künstler eine Gott gleiche Stellung ein. Man erschafft etwas, aber man weiß nicht, was es ist. Es gibt diese gute Geschichte von der Mutter, die zwei Töchter hat und Gott fragt, welche sie wem zu Frau geben soll. Gottes Antwort: Das kann ich erst sagen, sobald eine gewählt hat. Das ist der Zustand des Malers. Ich weiß erst in dem Moment, was ich gemalt habe, sobald ich es fertig gemalt habe.

    Hört sich nach Traum ähnlichen Zuständen an.

    Das ist es ganz sicher. Die Realität verschwimmt allein schon dadurch, dass man als Maler die dreidimensionale Welt in eine Fläche transformiert. Physikalische Gesetze, Licht, Farbe – das sind die Dinge, mit denen man umgehen muss. Die Malerei ist die Antwort auf diese Realitäten.

    Häufig übernehmen Sie Motive aus Kunstbüchern.

    Die schaue ich wie Comics an. Ziemlich respektlos. Das ist Material, aus dem ich Details oder Stimmungen heraus hole. Aber ich bin kein Kopist. Die Prämisse für ein neues Bild lautet immer: Es muss ein hartes Bild werden. Eines, das einschlägt, eines, das unantastbar ist wie ein Megalith.

    Warum kombinieren Sie beispielsweise ein Rembrandt-Porträt mit Goldfischen?

    Das ist Art, wie ich ein Porträt bewältige. Die Vorlage ist ein Selbstporträt von Rembrandt, das er malte, als er Tizians Gemälde „Bildnis eines Mannes“ bei einer Auktion nicht bekommen hat. Als Reaktion darauf hat er sich in derselben Position wie der Mann auf dem Tizian-Bild dargestellt. Ich verändere diese Vorlage, zerstöre sie aber nicht, sondern gebe ihr eine neue Funktion. Die Aussage des Bildes bekommt etwas Kurioses: Ist es das Bild ins Aquarium gefallen, ist der Porträtierte ertrunken? Da stecken viele Geschichten drinnen.

    Sie arbeiten in Zyklen. Warum?

    Sobald sich ein Thema erschöpft hat, ist es vorbei. Endgültig. Danach treibt mich die Neugier, manchmal auch der Zufall weiter. Alle paar Jahre ist es soweit. Ich habe mich mit Landschaften beschäftigt, mit Pflanzen, mit Wasser…

    Aber nie mit der gegenwärtigen Welt. Warum?

    Es gibt nichts Älteres als das, was gerade Mode ist. Wenn ich ein Auto male, kann ich daran die Zeit ablesen, in der es gemalt wurde. In zehn Jahren sagt jeder: Aha, dieses Bild stammt aus der und der Zeit. Das will ich vermeiden.

    Warum?

    Weil es Vergänglichkeit demonstriert. Eine Blume oder eine Welle hat vor 1000 Jahren gleich ausgeschaut wie heute. Wenn ich vor der Welle einen Ford Taunus hinsetze, weiß jeder, das sind die 1960er Jahre. Damit kommen Geschichten hinein, die mich nicht interessieren. Ich will die Zeit ausblenden.

    Gelingt das immer?

    Bei Porträts ist es schwierig, aber selbst dort habe ich den Anspruch ein absolutes Porträt zu malen.

    Wie viele Porträts haben Sie gemalt?

    Viele, alles Auftragsarbeiten. Das Entscheidende dabei ist der Kontakt mit dem Porträtierten. Was will er zeigen und was davon will ich aufgreifen. Damit es gelingt, muss ich die Person kennen. Das Malen selbst passiert dann hauptsächlich aus dem Gedächtnis. Erst in diesem Moment gelingt der Anspruch der Zeitlosigkeit.

    Führt das auch zu Konflikten?

    Die Arbeit des Porträtisten wird kaum gewürdigt. Häufig gehen die Auftraggeber davon aus, dass der Maler das schon kann. Nichts kann man. Man beginnt mit jedem Bild von vorn. Jedes Bild ist eine Schlacht, aber das bekommt keiner mit. Schauen Sie sich mein Atelier an: Ein Schlachtfeld.

    Wie läuft so eine Schlacht um ein Bild ab?

    Es beginnt damit, dass ich zwei Stunden vor der leeren Leinwand sitze und mir überlege, wie ich vorgehe. Je mehr Faktoren ich vorausplanen kann, desto besser. Aber das funktioniert nur bis zu einem bestimmten Moment. Dann muss man zaubern. Es gibt kein Rezept. Wenn es das gäbe, wäre es ein mechanisches Gelingen. Uninteressant.

    Wann ist ein Bild gelungen?

    Wenn ich mehrere Tage nach der Fertigstellung noch keine Fehler gefunden habe. Ich denke viel länger vor einem Bild nach als ich effektiv daran male. Manchmal ergänze ich etwas, aber ich habe auch schon einige Bilder weggeworfen. Jeder falsche Pinselstrich ist einer zuviel. Der Satz „Weniger ist mehr“ wird ja meist missverstanden. Für mich bedeutet er, mit wenig Mitteln so viel wie möglich erreichen. Aber nicht die Form von Reduktion, bei der irgendwann nichts mehr da ist.

    Sind sie ein Leser?

    Ich bin ein Schnell- und ein Vielleser. Am liebsten Wilhelm Busch, der bringt mein Gemüt ins Lot.

    Interview: Heinrich Schwazer

    Zur Person

    Ivo Mahlknecht, in Meran geboren in Tramin lebend, studierte an der Akademie von Florenz. In den 1980er Jahren experimentierte er im Stil der Neuen Wilden mit neoexpressionistischer Malerei. Anfang der 1990er Jahre wandte er sich in einem radikalen Bruch davon ab und begann im Stile der Alten Meister Velasquez, Rembrandt, Vermeer und anderen Landschaften, Pflanzen, Wasser und Stillleben zu malen, um die Sinnlichkeit und symbolische Kraft der Malerei zurück zu gewinnen. Termin: Vom 4. Juli bis 6. September zeigt Ivo Mahlknecht auf Schloss Welsperg in Welsberg einen Zyklus mit dem Titel „Spirit“. Eröffnung am 4. Juli um 17.30 Uhr. www.schlosswelsperg.com

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