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„Alex ist nicht ersetzbar“

„Alex ist nicht ersetzbar“

Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestags und Ex-Grünen-Chefin, über den 20. Jahrestag von Alexander Langer, die Reaktionen nach dem Tod von „Alex“ und das Vermächtnis eines europäischen Visionärs.

TAGESZEITUNG: Frau Roth, Sie haben im Europaparlament an der Gedenkfeier zum 20. Todestag von Alexander Langer teilgenommen.

Ja, ich habe eine ziemlich lange Rede gehalten und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass Alexander Langer mit im Raum ist. Es waren viele Südtiroler da, auch viele Italiener, die große Alexander-Langer-Familie. Ich habe versucht zu vermitteln, wie das an diesem 3. Juli 1995 war, als sich Alex das Leben genommen hat. Schriftlich hinterlassen hat er ja den Satz „Macht weiter, was gut war“. Der Satz hat uns beinahe erdrückt, weil Alex ja selbst so viel Gutes getan hat. In dem Moment habe ich gespürt, dass nicht jeder Mensch ersetzbar ist. Alex war nicht ersetzbar und ist es bis heute nicht.

Wie haben Sie denn selbst seinen Tod erlebt?

Ein paar Tage vor seinem Tod, an einem Donnerstag hatten wir Sitzung, ich war ja zusammen mit Alex Fraktionsvorsitzende. Er kam in seinem neuen Mantel und hat gesagt: „Wir müssen jetzt unbedingt die Fraktionssitzung in Sizilien vorbereiten.“ Ich habe nicht verstanden, warum das jetzt gleich passieren muss, schließlich war die Sitzung erst im Herbst, es war ihm aber wahnsinnig wichtig. Er hatte einen wunderbaren Text mit dem Titel „Das Mittelmeer: Mehr als ein Meer“ vorbereitet und hat über die Nachbarschaft und die Bedeutung des Mittelmeers geschrieben.

Das war kurz vor seinem Freitod im Jahr 1995.

Ja, die nächste Sitzung des Fraktionsvorstands war dann am Montag oder Dienstag, da war er nicht da. Das hat uns alle gewundert, Alex war ja normalerweise preußischer als preußisch, er war immer pünktlich und zu 150.000 Prozent korrekt. Er hat keinen Termin verpasst. Da gab es auch bei seinem Sekretär Uwe Staffler große Unsicherheit, bis wir ein paar Stunden danach erfahren haben, dass sich Alex das Leben genommen hat. Er starb in dem Aprikosen-Hain in Florenz, der ehemaligen Wirkungsstätte von Galileo Galilei. Unter dem Baum standen seine Schuhe und er hat offensichtlich vor seinem Tod den Sonnenuntergang gesehen – ein unglaublich symbolischer Moment.

Wie haben Sie reagiert?

Ich erinnere mich an diesen Tag als Tag der unendlichen Trauer und großen Fassungslosigkeit. Die Frage nach dem Warum war sofort da: Warum hab ich das nicht bemerkt? Ich war ja sechs Jahre lang seine Zimmernachbarin, ich war in Brüssel und Straßburg am nächsten an Alex dran – und ich konnte trotzdem nichts tun. Es war einfach ein unglaublicher Verlust. Wir hatten dann Trauerfeiern in Brüssel und Straßburg, in Florenz und in der Franziskanerkirche in Bozen. Parlamentspräsident Martin Schulz hat heute an eine von Otto von Habsburg gehaltene Rede erinnert. Der hat Alex als einen der besten, erfolgreichsten und charismatischsten Abgeordneten im Parlament erlebt und auch so beschrieben.

Wie lange hat es nach dem Tod von Alexander Langer gedauert, bis sich die Europäischen Grünen von dem Verlust erholt haben? 

Da kann man sich gar nicht erholen. Alex hat so wahnsinnig viel geschrieben, darunter viele Dinge, die bis heute aktuell sind. Er war ein Visionär und Vordenker. Und alle seine Vorhersagen haben sich in den letzten 20 Jahren erfüllt. Das, was er zum Beispiel über die Klimakatastrophe schreibt, wird jetzt am Wochenende beim G7-Gipfel diskutiert. Das ist so top-aktuell, so richtig und so gut, von diesem Verlust kann man sich gar nicht erholen. Dass jeder ersetzbar ist, ist ein Schmarrn. Er war es sicher nicht.

Nach der Gedenkfeier fand am Nachmittag eine Veranstaltung zur Flüchtlingskatastrophe statt. Hätte „Alex“ dazu eine Meinung gehabt?

Alexander hatte sowieso zu allem etwas zu sagen, gut, vielleicht nicht zu Sepp Blatter, ich bin mir nicht sicher, ob er Fußballfan war. (lacht) Das Mittelmeer hatte für Alex einfach eine hohe Symbolik. Er wollte keine Mauern mehr, sondern das Zusammenleben in Frieden. Und jetzt sterben da Menschen. Mir ist das Wort eingefallen, dass Alex so wichtig war: „Insieme“, mit allen Menschen in Würde. Er wäre sicher ein Stück weit wütend auf dieses Europa geworden, das sich dieser Verantwortung verweigert. Wir hätten wahrscheinlich eine gemeinsame Pressemitteilung gemacht und gesagt: „Die Fraktionsvorsitzenden Alexander Langer und Claudia Roth erklären, man soll Europa den Friedensnobelpreis aberkennen.“

Interview: Anton Rainer

 

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