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    Unter Blinden

    Letzthin hatte ich das aufschlussreiche Vergnügen, mit Nikolaus Fischnaller durch Bozen zu gehen. Fischnaller und Andy Holzer haben etwas gemeinsam: Beide sind blind.

    von Renate Mumelter

    Nicht jeder Blinde sieht gleich. Andy Holzer hat Farben und Formen im Kopf, verfügt über räumiches Vorstellungsvermögen, er fotografiert sogar. Ganz anders Holzers Bekannter, ein Musiker, ebenfalls blind: er hat keine Bilder im Kopf, nur Details, aber er kommt damit gut zurecht. Blind ist nicht gleich blind. Für Sehende ist blind unvorstellbar, für Augenmenschen noch weniger.
    Schon als Kind sah Andy Holzer nichts, er tat aber so, als ob er sehen würde. Andy wollte mit den Freunden herumtollen, er fetzte mit dem Rad durch die Gegend, sogar mit dem Moped, er wollte dazugehören und im kleinen Dorf Ansbach in Osttirol blieb dafür wenig Spielraum. Sogar die Schulkollegen entdeckten erst spät, dass Andy blind war. Holzer tut alles, er fährt Ski und klettert, ist den Seven Summits auf der Spur, orientiert sich nach Geräuschen und Gerüchen. Er hat sich die Welt als Amateurfunker angeeignet, ist verheiratet und verdient seinen Lebensunterhalt und den seiner Frau als Vortragsreisender. Die Holzer-Autobiografie verkauft sich gut, die Vortragsabende werden gebucht, den Kinofilm gibt’s jetzt auch noch. “Unter Blinden – Das extreme Leben des Andy Holzer” von Eva Spreitzhofer ist als Film nichts Besonderes. Er lässt einem eloquenten Protagonisten Raum, und der hat keine Scheu vor Selbstdarstellung mit Witz. Formal und dramaturgisch hätte sich mehr herausholen lassen.
    Das Thema rechtfertigt einen Kinobesuch allemal. Blindheit beschäftigt nicht nur Augenmenschen. Dass diese Blindheit gelebt werden kann, zeigen Nikolaus Fischnaller aus Südtirol, Andy Holzer aus Osttirol und der an Glaukom erkrankte Kamermann von Weltruf Michael Ballhaus. Seine Autobiografie “Bilder im Kopf” erscheint Mitte April als Taschenbuch.

    Unter Blinden – Das extreme Leben des Andy Holzer (AT 2014), 99 Min., Regie: Eva Spreitzhofer. Bewertung: Nur inhaltich interessant

    Was es sonst noch gibt:
    Das ewige Leben (SO und DO, Ariston, Meran)

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    Kommentare (2)

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    • Seven of Nine

      Danke, Frau R. Mumelter.
      Ihre Filmkritiken sind was Besonderes.

    • Verwunderlich

      die beeindruckendste ausstellung die ich je erleben durfte…. war mit geschlossenen augen….. und geführt wurde ich von einem sogenannten blinden…. er erklärte mir auch alles…. das museion in bozen…. muss nicht nur noch…. viel…. sondern aber ….sehr, sehr, sehr viel… lernen… was kunst betreffen soll….

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