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Der Beratungsklau

walter-amort-einkaufenMoralisch äußert fragwürdig, aber keinesfalls verboten: Sich in Geschäften beraten lassen und das Produkt später günstig im Internet kaufen. Der sogenannte Beratungsklau ist auch in Südtirol zu beobachten.

von Heinrich Schwarz

Einkaufen im Internet hat einen großen Vorteil: Die Preise sind zumeist tiefer als im Geschäft. Zudem ist die Auswahl enorm. Der Nachteil: Man kann die Produkte nicht direkt testen und sich nicht von einer Fachperson beraten lassen.

Viele Menschen lösen dieses Problem mit einem moralisch fragwürdigen Trick: Sie gehen in ein Geschäft, sehen sich dort um, informieren sich über verschiedene Produkte und Modelle, suchen nach der passenden Größe und verlassen den Laden wieder. Zuhause – oder auch gleich über das Smartphone – kaufen sie das Produkt dann in einem günstigen Online-Shop.

Das Phänomen nennt sich Beratungsklau oder Showrooming – und ist überall auf der Welt zu beobachten. Die Geschröpften sind natürlich die Einzelhändler, die ihren Kunden eine Dienstleistung bieten, aber keine Gegenleistung erhalten. Sie werden schlichtweg ausgenutzt. Und das schlechte Gewissen wird beim Verlassen des Ladens einfach verdrängt.

Nutznießer sind die Online-Shops. Besonders bei Kleidung, Schuhen und Sportartikeln ist der Beratungsklau weit verbreitet. Aber auch bei Elektronik-Geräten. Internet-Riesen wie Amazon, Zalando und Co. dürfen sich freuen.

Natürlich ist auch der Gegentrend zu berücksichtigen: Kunden informieren sich im Internet ausführlich über ein Produkt, vergleichen es in Ruhe mit anderen Modellen und kaufen es dann im lokalen Fachgeschäft. Doch dies kann die Einbußen durch den Beratungsklau kaum kompensieren. Schließlich ist der günstigere Preis zumeist das schlagkräftigere Argument als die Unterstützung lokaler Betriebe.

Walter Amort, Präsident des Handels- und Dienstleistungsverbandes (hds), streitet nicht ab, dass der Beratungsklau auch in Südtirol zu beobachten ist. Aber: „Es handelt sich eher um einen Randeffekt. Bei uns ist die Problematik nicht so groß wie in anderen Gebieten.“

Amort erklärt: „Je größer ein Geschäft, umso eher gibt es einen Beratungsklau. Im kleinstrukturierten Handel in Südtirol steht die persönliche Beratung sehr stark im Vordergrund. Durch den persönlichen Kontakt versucht man, das beste Produkt für den Kunden zu finden.“

Der hds-Präsident hat deshalb keine großen Bedenken, dass die Geschäfte nur mehr „als Ausstellung dienen und die Produkte woanders gekauft werden.“ Schließlich ist die Hemmschwelle des Kunden, den Laden ohne Kauf zu verlassen, bei einer guten, persönlichen Beratung deutlich geringer.

Trotzdem wird es eine Herausforderung des stationären Handels sein, in langfristiger Hinsicht gegen die Online-Shops anzukommen. Der Druck durch die günstigen Preise im Netz ist nicht außer Acht zu lassen. „Zum einen muss das Bewusstsein für die Qualität der Produkte geschärft werden. Zum anderen ist die Beratungsqualität noch zu verbessern“, sagt Walter Amort. Darin liege der Schlüssel.

In Deutschland greifen einige Geschäfte zu ganz anderen Methoden, um dem Beratungsklau Herr zu werden. Etwa mit kostenpflichtigen Beratungen. Das Geld bekommt man natürlich zurück, wenn man ein Produkt kauft.

 

 

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