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    Ulrike Meinhof und ihr Poltergeist

    Chiara Fumais Hexenhammer: Wie Ulrike Meinhofs Poltergeist bricht es aus ihr heraus (Foto: Luca Meneghel)

    Chiara Fumais Hexenhammer: Wie Ulrike Meinhofs Poltergeist bricht es aus ihr heraus (Foto: Luca Meneghel)

    Was hat die Terroristin Ulrike Meinhof mit dem mittelalterlichen Traktat „Der Hexenhammer“ der beiden Dominikanermönchen Heinrich Kramer und Jacob Sprengler zu tun? Die römische Künstlerin Chiara Fumai erteilt Auskunft.

    Von Heinrich Schwazer

    Wer ist diese Frau? Schwarz, knöchellang, hochgeschlossen ist ihr Gewand, es könnte eine Soutane sein. Fehlen nur das Zingulum und die 33 Knöpfe, die auf die 33 Jahre hinweisen, die Jesus gelebt hat. Ist sie eine schwarze Priesterin? Ist sie ein Medium? Welche Stimme spricht aus ihr, wenn sie von Gespenstern der Vergangenheit und der Zukunft spricht? Ist sie schlicht ein Gruftie, für die Schwarz immer schon die einzig zugelassene Farbe war, um sich von der Oberflächlichkeit des Konsumdaseins zu distanzieren? Ob freiwillig oder nicht – die Ästhetik der „gothic novels“, die Schauerromane der Romantik drängt in dieser Frauenfigur mit ihren ausgeprägten Kontrasten zwischen schwarzer Kleidung, rotem Haar und bleicher Gesichtsfarbe weit nach vorne. Klassische Hexenoptik eben, auch wenn man bei Hexerei heute eher an Harry Potter als an den „Hexenhammer“ denkt.

    Der 1487 erschienene „Hexenhammer“, das frauenverachtende Machwerk des Basler Mönchs Jakob Sprenger mit Heinrich Kramer, mit dem die Verfolgung der als Hexen verschrienen Frauen legitimiert wurde, ist die Folie der Installation von Chiara Fumai im Project Room des Museion. Die römische Künstlerin zeigt darin eine Serie von Collagen und ein Wandbild mit zwei weiblichen Figuren in der Kleidung des 16. Jahrhunderts, die einer anderen Frau die Kommunion reichen. In Kurrentschrift steht die Mahnung: „Entweder Du bist ein Teil des Problems oder Du bist ein Teil der Lösung. Dazwischen gibt es nichts.“

    Nichts dazwischen, knallhartes Denken in der Kategorie des Entweder-Oder – das war das Denken von Ulrike Meinhof, die eine brillante Journalistin war, bevor sie in den Terrorismus abrutschte und zur „Staatsfeindin Nr. 1“ wurde. Ihr Freund-Feind-Denken verkürzte Politik auf die „Machtfrage“, auf die Zuspitzung von Gewalt und Gegengewalt, von sozialen oder individuellen Emanzipationsbewegungen hielt sie nichts. Ein faschistoider Staat wie die damalige Bundesrepublik verdiente in ihren Augen nur den harten Bruch.

    Was hat die Meinhof mit dem mittelalterlichen Traktat „Der Hexenhammer“ zu tun? Wie kommt Chiara Fumai dazu, die Terroristin mit dem terroristischen Machwerk des düstersten Katholizismus zusammenzudenken? Weil man die Meinhof im 15. Jahrhundert als Hexe verbrannt hätte? Möglich. Spannender ist es, die Künstlerin als Medium der Meinhof zu sehen. Die Anklänge an das Okkulte und spiritistische Traditionen in ihrer Performance sind unübersehbar.

    Über weite Strecken ist Fumais Performance nichts anderes als eine exzellente Führung durch die Ausstellung von Rosella Biscotti im vierten Stock des Museions. Von Werk zu Werk schreitend, beschwört sie anhand von Jacques Derridas leitendem Motto „Die Zukunft kann nur den Gespenstern gehören“, die Gespenster in den Werken der Kollegin: „Le Teste in Oggetto“, fünf Köpfe aus Bronze von Vittorio Emanuele III und Benito Mussolini, die für die 1942 geplante und dann abgesagte Weltausstellung in Rom angefertigt wurden, die Bleiabdrücke vom Boden des ersten italienischen Gefängnisses für lebenslange Haft auf der Insel Santo Stefano und ihre Erkundungen im äthiopischen Zeret, wo italienische Kolonialtruppen 1939 Widerstandskämpfer massakriert hatten. Auch des guten Karl Marx`Gespenster fehlen nicht, der sich über die Angst vor dem Gespenst lustig gemacht hat, die Angst der Kapitalisten vor dem Gespenst des Kommunismus.

    Dazwischen bricht es immer wieder wie ein Poltergeist aus ihr heraus. Mit lauter, aggressiver Stimme zitiert sie Texte von Ulrike Meinhof, die als fortlaufende Schrift auf den Collagen im project room nachzulesen sind. Der antikapitalistische, antiamerikanische, antifaschistische Furor der Meinhof bricht aus ihr hervor als wäre sie deren Wiedergängerin in der Gegenwart. Den Snobismus der letzten persischen Kaiserin Farah Pahlawi, die ihr Volk verhungern lässt, während sie an der Riviera am Strand liegt, geiselt sie und sie fordert dazu auf, amerikanischen Einrichtungen zu attackieren.

    Heiter bis wolkige Konsenskunst im Sinne von seichter Sozialkritik ist das keine. Wie Biscotti ist auch Fumai eine von der unversöhnlichen Seite. Meinhofs Geist des Entweder-Oder geistert in ihren Werken herum. Womit man wieder beim Hexenhammer angelangt wäre. Der hat in der Figur der Hexe ein teuflisches Konstrukt für alle toxischen Gedanken und irrationalen Ängste des katholischen Menschen geschaffen.

    Gibt es einen aktuellen Hexenhammer? Wer führt Ihn? Kaiserin Farah Pahlawi hätte darauf ihre eigene Antwort gehabt. Als die Revolutionäre das Teheraner Museum stürmten ließen sie die dort gehorteten gigantischen Kunstschätze von Dali und Degas, Kandinsky und Klee, Monet und Munch bis Picasso unberührt. Nur ein Werk zerstörten sie: Das Porträt, das Andy Warhol von der Kaiserin angefertigt hatte. Es wurde nach der Revolution mit Messern zerschnitten.

    Weitere Termine im Museion: 19/02, 12/03, 19/03, 09/04, 16/04: 18.00 Uhr. In italienischer Sprache. Der Eintritt ist frei.

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