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    Zerbrechliche Monumente

    Silikonabgüsse der Bronzeköpfe von Mussolini und Vittorio Emanuele III: Blick in den Kopf des Diktators.

    Silikonabgüsse der Bronzeköpfe von Mussolini und Vittorio Emanuele III: Blick in den Kopf des Diktators. (Fotos: Luca Meneghel)

    Die Künstlerin Rossella Biscotti sucht, gräbt und recherchiert wie eine Archäologin. Sie unternahm Spaziergänge auf der Mauer des ehemaligen Durchgangslagers Bozen, in Rom stellte sie die Köpfe von Vittorio Emanuele und Benito Mussolini aus. Im Museion zeigt sie derzeit eine Ausstellung über Monumente und die Massaker italienischer Truppen in Äthiopien.

    Geschichte und Erinnerung sind eine wesentliche Inspirationsquelle Ihrer künstlerischen Arbeit. Wie setzen Sie diese ein, welche künstlerischen Diskurse ermöglichen sie?

    Rossella Biscotti: Zunächst möchte ich sagen, dass mein Zugang ein künstlerischer ist. Ich lass mich von der Geschichtswissenschaft inspirieren und betreibe dann etwas wie investigativen Journalismus oder Feldforschung. Meine Arbeit entwickelt sich in Phasen: ich lasse mich von geschichtswissenschaftlichen Arbeiten inspirieren und knüpfe an eine persönliche Erfahrung an, das ist das, was mich wirklich interessiert. Ich versuche, nicht nur mit den Dokumenten zu arbeiten, sondern mich selbst in die Geschichte „einzuschreiben“. Das, was von der Geschichte bleibt, die Erinnerung ist für mich erfahrbar und fließt in meine Arbeit ein. Ich gehe vom Dokument aus und übersetze es mehrmals, kehre dann aber nicht mehr zur Geschichte zurück, sondern entferne mich davon.

    Die Aufwertung und Valorisierung historischer Monumente verläuft über deren Kontextualisierung, d.h. man versucht sie vor dem Hintergrund ihrer Geschichte zu erklären. Das machen wir zur Zeit mit den faschistischen Bauten. In Ihrer Arbeit, bei der Sie auch Objekte dieser Zeit verwenden, stellen sie sich dir klarerweise nicht die Aufgabe, diese zu erklären, aber die Frage des „Kontextes“ ist zentral.

    Klarerweise. Was ich oft mache, ist eine Dekontextualisierung: Ich löse diese Situationen aus ihrem Kontext und stelle sie in einen anderen hinein. Begleitet wird dieser Vorgang von einer seriösen Reflexion über den Ursprung des Objektes und über seinen Zielort. 2009 zum Beispiel habe ich in meiner Arbeit „Le Teste in Oggetto“ eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 2006 zur faschistischen Architektur in Rom und in den adriatischen Kolonien zum Ausgangspunkt genommen. In den Kellergeschossen der Gebäude der EUR habe ich fünf große Bronzeköpfe von Mussolini und Vittorio Emanuele III gefunden (die Werke wurden von den Bildhauern Giovanni Prini und Domenico Rambelli anlässlich der Esposizione Universale di Roma 1942, die nie stattgefunden hat, realisiert). Als mich 2009 eine private Stiftung mit einer Ausstellung in einem Lager betraute – ich betone den Ort, weil der Kontext wichtig ist -, habe ich mir überlegt, ich hole die Köpfe aus den EUR-Kellern, dokumentiere die Fahrt bis zum Ausstellungsort, überlasse sie fünf Tage dem Publikum und bringe sie dann wieder zurück. Meine Intervention kam einer Dekontextualisierung gleich, andererseits aber wurden diese Köpfe in einem anderen performativen Kontext zum Ausgangspunkt neuer Überlegungen.

    Können Sie Ihre Überlegungen zur Bedeutung von Monumenten, die in Ihrer Arbeit stark präsent sind, fokussieren.

    Rossella Biscotti und die Direktorin des Museion Letizia Ragaglia: Ich versuche, nicht nur mit den Dokumenten zu arbeiten, sondern mich selbst in die Geschichte „einzuschreiben“.

    Rossella Biscotti und die Direktorin des Museion Letizia Ragaglia: Ich versuche, nicht nur mit den Dokumenten zu arbeiten, sondern mich selbst in die Geschichte „einzuschreiben“.

    Die Idee des Monuments in seiner Materialität, als etwas, das bleibt, ist zentral für meine früheren Arbeiten. Die einzige Skulptur, die zum Bleiben bestimmt ist, habe ich „Gli anarchici non archiviano“ genannt; sie befindet sich in Carrara und ist aus mobilen Bausteinen gefertigt; also eigentlich nicht stabil, wie es den Anschein hat. Ich habe sie fast als Maschine konzipiert, die leise ist und zu sprechen beginnt, wenn du sie in Aktion versetzt. Ein nicht statisches und stabiles Monument also. Das Thema der Zerbrechlichkeit des Monuments hat mich begleitet. Ich habe meine Aufmerksamkeit auf kaum erzählbare Geschichten gelenkt, mit mehreren Stimmen, die wahrnehmbar sind, aber nicht als Narrationen definiert werden können. In Bozen wird eine Arbeit ausgestellt, die als Monument bezeichnet werden könnte. Es handelt sich um eine schwere Arbeit, aus Blei, die in Wirklichkeit zerbrechlich ist. Sehr dünne Blatten wurden auf dem Boden des Gefängnisses von Santo Stefano (Strafanstalt, die Ende des 18. Jhs auf der Isola pontina eingerichtet wurde und 1965 geschlossen wurde) ausgelegt. Wenn jemand darauf gehen würde, würde sich alles in Luft auflösen. Das Monument sollte die Stimmen derjeniger einfangen, die auf diesen Böden gegangen sind. Es ist kein Anti-Monument, sondern wenn schon eine Ausweitung der Idee des Monuments.

    Sie arbeiten intensiv mit „Abdrücken“, die Böden des Gefängnisses von Santo Stefano sind ein Beispiel. Der Abdruck erinnert an „Ausgrabung“, an Spur aber auch an das Negativ der Fotographie. Was bedeutet Ausgrabung für eine Künstlerin, die in der Geschichte die Geschichten sucht?

    Das ist eine zentrale Frage für mich, die mich herausfordert. Meine Ausgrabungen haben nichts Systematisches, Wissenschaftliches an sich; die Arbeit ist fragmentarisch, da gibt es keine einheitliche Vorstellung von Geschichte. In letzter Zeit habe ich Arbeiten auf der Basis des Vergleichs realisiert, gleichsam dem archäologischen Vergleich mit den menschlichen Überresten, den Knochen; mich interessiert der Eindruck, der durch die direkte Auseinandersetzung mit einem menschlichen Körper entsteht, mit den Überresten eines Lebens. In Bozen wird eine ganz neue Arbeit ausgestellt, bei der es um Äthiopien, um eine Grotte, in der die italienischen Kolonialtruppen 1939 ein Massaker verübt haben (in Zeret-Lalomedir wurden mehr als tausend Zivilisten mit Gas ermordet). Dort gibt es noch menschliche Überreste, tierische Überereste, Kleider, Scherben,…

    Mit den Symbolen der Vergangenheit muss man sich aktiv auseinandersetzen und es braucht die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Sehen Sie Ihre Arbeit auch als Beitrag dazu?

    Ich würde sagen ja, mit einem künstlerischen Zugang.

    Das Gespräch führte Giorgio Mezzalira, es erscheint auch im Corriere dell’Alto Adige

     

    Termin

    Die Ausstellung im Museion bleibt bis 25.Mai zugänglich. Führungen: Donnerstags 19 Uhr Gratisführung durch die Ausstellung. 12/03, 19 Uhr, Führung mit der Direktorin Letizia Ragaglia?9. April um 19 Uhr: „Im Kontext – Rossella Biscotti, engagierte Kunst” mit Andreas Hapkemeyer?Samstag und Sonntags, 14 – 18 Uhr: „Kunstgespräche”: Kunstvermittler beantworten Fragen zur Ausstellung oder zur zeitgenössischen Kunst www.museion.it

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