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Knallköpfe & Charlie

charlie-hebdo-martin-abramDer Schauspieler Martin Abram hat zu dem Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ eine besondere Beziehung. Mit dem Blatt hat er Französisch gelernt. Ein Essay über Satire und Scheinheiligkeit.

Von Heinrich Schwazer

Die erste Redaktionskonferenz nach dem tödlichen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ mit den noch lebenden Machern des Pariser Satire-Magazins muss eine heitere Angelegenheit gewesen sein. Was war das Thema der Woche? fragte der Chefredakteur in die Runde. Tosendes Gelächter.

So war „Charlie Hebdo“, so ist „Charlie Hebdo“. Eine Satirezeitschrift, der nichts heilig ist außer das Lachen. Wo andere den heiligen Ernst der Lage beschwören und jeder Knallkopf plötzlich Charlie sein will – sogar das von notorischer Humorlosigkeit geplagte Tagblatt für Südtirol, das vor Jahren wegen eines harmlosen Frosches die Schlacht von Harmagedon ausgerufen hatte, wollte sich kurioserweise einen Tag lang in ein französisches Satire-Magazin verwandeln (wir erschauern vor diesem Weltenbrand) – bleibt Charlie lustig. Seit 22 Jahren erscheint Charlie Hebdo nie ohne eine Karikatur des Papstes, Mohammed, Jesus, lüsternen Pfarrern oder Terroristen – warum also jetzt diese DNA ändern?

„Das ist eben der anarchische Geist von Charlie Hebdo“ sagt Martin Abram. Der Schauspieler, zuletzt zu sehen in den Filmen „Bergblut“ und „Schwabenkinder“, hat zu der Zeitschrift, seit er seine französische Lebensgefährtin Michele Collet bei einem Bergfilmfestival in Grenoble kennen lernte, eine besondere Beziehung: „Ich musste Französisch lernen, sonst kommst du in Frankreich nicht weit. Charlie Hebdo war meine erste französische Lektüre. Wenig Text, viel Zeichnungen.“

Über die Französischkenntnisse hinaus hat das Magazin seinen Geist ins Offene geleitet: „Die Lektüre hat mir eine Ahnung davon gegeben, was freie Meinungsäußerung sein könnte. Ich war ja Schüler im Franziskanergymnasium, da haben sie uns das gründlich ausgetrieben.“

Welche Kraft das Lachen haben kann, vermittelt gerade die erste Ausgabe nach dem Terroranschlag. Die islamistischen Terroristen, die am vergangenen Mittwoch bei einem Angriff auf die Redaktion zwölf Menschen erschossen hatten, werden als geistig minderbemittelte Idioten lächerlich gemacht. In einer Karikatur fragen die von der Polizei getöteten Attentäter im Himmel nach Jungfrauen, die sie als Belohnung für ihren Terrorangriff erwarten. Die seien alle beim Team von Charlie, wird ihnen aus einer Wolke zugerufen, wo gerade eine wüste Party steigt. Das Titelbild der „Charlie-Hebdo“-Ausgabe zeigt erneut eine Mohammed-Zeichnung und die Überchrift „Tout est pardonné“ (Alles ist vergeben).

Satire darf alles und muss alles dürfen. Dieses Recht hat Charlie Hebdo von Anfang an verteidigt – gegen die Staatsgewalt und vor allem gegen alle Religionen. Als Benedikt XVI abdankte, zeigt Charlie Hebdo den Papst in inniger Umarmung mit einem errötenden Schweizer Gardisten ausrufen: „Endlich frei!“ Als Front-National-Chefin Marine Le Pen ihre Maßnahmen für die Flüchtlinge auf Lampedusa erläuterte, zeigte das Magazin im Wasser treibende Leichen und der Steuerflüchtling Gérard Depardieu wurde zum Panzer für Putin, der die Ukraine überrollt.

Eine Nachricht kann man eben so oder so erzählen. „Wenn ich eine Zeitung lese, werde ich depressiv. Nur schlechte Nachrichten. Charlie Hebdo bringt die auch, aber immer mit einem satirischen Lachen verbunden,“ sagt Abram.

Seine Lebensgefährtin Michel Collet kennt zwei der getöteten Karikaturisten, Cabu und Wolinski, persönlich: „Das waren sympathische, liebenswerte Leute, die immer auf der Seite der Schwachen, Ausgegrenzten und Migranten standen und sich gegen Missbrauch der Macht engagierten.“

Dass so ein Magazin nur in Frankreich entstehen und überleben kann, ist für Abram ausgemachte Sache. Die politische Karikatur ist in Frankreich seit der Revolution eine Institution, Satiriker sind anders als in Italien oder Deutschland fester Bestandteil der Kulturszene. Abram: „Im Vergleich dazu haben wir uns an die Schere im Kopf gewöhnt.“

 

 

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