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    Meine Seele ist so wund

    Florian Eisner: Etwas mehr Salz in der Theatersuppe wäre nicht schlecht gewesen. (Foto: Bernhard Eichner)

    Florian Eisner: Etwas mehr Salz in der Theatersuppe wäre nicht schlecht gewesen. (Foto: Bernhard Eichner)

    Alexander Kratzer inszeniert „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist im Stadttheater Bozen (VBB).

    Von Klaus Hartig

    Ein sperriger Stoff. Unschön. Beängstigend. Dunkel und verstörend. Die Dichtung könne sich damit „bei noch so kunstreicher Behandlung weder befassen noch aussöhnen“, kommentierte Goethe „Michael Kohlhaas“. Kleists Novelle hat dann auch wenig mit jener Heiterkeit, Anmut und fröhlichen Lebensbetrachtung italienischer Erzählungen zu tun, für die sich der geheime Rat in Weimar damals so sehr begeisterte. Der Plot um einen der „rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, der an einer korrupten Beamtenclique scheitert, aus Tugend zum maßlosen Räuber und Mörder wird, sich zum Chef einer „provisorischen Weltregierung“ erklärt und auf dem Schafott endet, bringt – auch heute – Unbehagen hervor.

    Eine, längst vergangene, Crime-Story „aus einer alten Chronik“? Keineswegs. 1969 eröffnete Volker Schlöndorff seinen Spielfilm „Michael Kohlhaas – der Rebell“ mit Doku-Szenen von Straßenkämpfen in Europa und den USA. Auch in Bozen ist die Gegenwärtigkeit des Stoffs immer spürbar – auch wenn Alexander Kratzer im Stadttheater eher auf Understatement und Unaufdringlichkeit setzt als auf pointierte Bezüge zur Tagesaktualität des 21. Jahrhunderts.

    Luis Graninger hat im Studiokeller eine nüchterne Werkstattbühne eingerichtet, auf der die Mechanik der Handlung gemächlich in Gang kommt. Auf einem zentralen Podest mutiert der gesetzestreue Familienvater und Geschäftsmann in diesem Labor – aus dem Schmerz heraus, „die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken“ – zum rasenden Wüterich. Kleists farbenreich schillernder und dicht gewebter Prosatext wurde dabei bis auf die Knochen oder 90 Minuten Spielzeit zusammengestrichen. Übrig bleibt ein grob gezimmertes Gerüst, das von fünf Schauspielern – als Erzähler oder Dialogpartner in wechselnden Rollen – getragen wird.

    Am Anfang ist die Welt hier noch in Ordnung. Im weißen Anzug und mit lässig übereinander gelegten Beinen – noch vertraut man der Obrigkeit – entspannt sich der geprellte Rosshändler (Florian Eisner) neben seiner Ehefrau (Karo Guthke) und erwartet, nichts Böses ahnend, den Schiedsspruch der Gerichte. Erst nachdem diese Verfahren niedergeschlagen sind nimmt die Inszenierung Fahrt auf. Rotes Licht, Stroboskopblitze (Lichtdesign: Gordana Crnko) und pulsierende Musik (Markus Tavakoli) kündigen den Rachefeldzug gegen ein wurmstichiges Staatsgefüge an, bevor das Ensemble die Spielfläche zerlegt und der Empörer im gebündelten Scheinwerferlicht mit gezücktem Schwert als „Statthalter Michaels, des Erzengels“ posiert.

    Kaum ist das Bühnenfeuerwerk abgebrannt, wird einen Gang zurückgeschaltet. Im Souterrain klettert Kohlhaas mühsam über Holzbalken, die wie Hürden den Rechtsweg verstellen. Hinten knüpfen die hinterfotzigen Hofschranzen Hinz (Christoph Griesser) und Kunz (Peter Schorn) mit schwarzen Ärmelschonern immer neue Fallstricke im Paragraphendickicht. Oben machen die Perücken tragenden Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen europäische Machtpolitik.

    „Meine Seele ist so wund, dass mir, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut“, schreibt Kleist in einem Abschiedsbrief an seine Schwester Marie. So dürfte sich wohl auch der Aufrührer Kohlhaas gefühlt haben, dessen beunruhigende „Entsetzlichkeit“ und Doppelbödigkeit man bei Florian Eisner vor lauter Rechtschaffenheit allerdings nur erahnen kann.

    Das Fazit: Alexander Kratzer hat die Geschichte mit Kleists märchenhaftem Schluss artig und mit distanziertem Analytikerblick nachbuchstabiert. Schaudern und Erschütterung? Nicht an diesem Abend. Etwas mehr Salz in der Theatersuppe wäre deshalb nicht schlecht gewesen.

    www.theater-bozen.it

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