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    „Gegen eine Mauer“

    „Gegen eine Mauer“

    Eine slowakische Firma hat eine patentrechtlich geschützte Erntemaschine eines Südtiroler Herstellers nachgebaut und billig an Obstbauern verkauft. Die Hintergründe eines handfesten Wirtschafts-Krimis.

    Kurt Wieser ist erleichtert: „Wir sind zwei Jahre lang gegen eine Mauer angerannt“, so der Verwaltungsleiter der Firma Windegger mit Sitz in Lana, „jetzt konnten wir endlich einen Teilerfolg landen.“

    Der Fall der illegal nachgebauten Erntemaschinen der Windegger GmbH könnte auch für andere Südtiroler Betriebe, die in der globalisierten Welt um ihr gewerbliches Eigentum und gegen unlauteren Wettbewerb kämpfen müssen, zu einer Causa mit Präzedenzcharakter werden.

    TAGESZEITUNG Online hat bereits am vergangenen Donnerstag über den Paukenschlag im Fall Windegger berichtet. Die slowakische Firma „LuStaKo“ soll seit Jahren die patentrechtlich geschützte Allzweckbühne des Typs „K4“ der Firma Windegger nachgebaut haben. „Die Erntemaschinen wurden eins zu eins nachgebaut“, bestätigt Kurt Wieser von der Firma Windegger. Die Slowaken gingen kühn zu Werke, sie verwendeten denselben Produktnamen, sogar die Farbe der Bühne war genau jene des Windegger-Modells.

    Die originale „K4“ der Firma Windegger verfügt über ein einzigartiges und patentiertes Erntesystem.

    Die Pflückkörbe für den Gipfelbereich werden automatisch von oben in die Kiste abgesenkt und entleert. So können mit der „K4“ bis zu fünf Personen gleichzeitig und bequem im Boden- und Gipfelbereich pflücken. Die leeren Pflückkisten werden entweder einzeln in den Reihen verteilt, zudem ist es möglich bis zu fünf Kisten während der Ernte mit der Maschine mitzuführen.

    Bereits vor zwei Jahren war die Firma Windegger auf die illegalen Geschäftspraktiken der Firma aus der Slowakei aufmerksam gemacht worden. „Wir haben damals Anzeige bei der Finanzpolizei erstattet“, berichtet Verwaltungsleiter Kurt Wieser, „wir haben die Quästur informiert, aber am Ende wurden die Anzeigen archiviert und es gab leider niemanden, der sich für diese Sache zuständig erklärte.“

    Dabei hatte die Firma Windegger längst Beweise für die illegalen Aktivitäten und für die fragwürdigen Geschäftspraktiken der slowakischen Firma sammeln können.

    Die Firma Windegger GmbH hatte nämlich die Südtiroler Detektei „Infoglobal“ engagiert. Dem Detektiv Enrico Maggi gelang es im Zuge seiner Ermittlungstätigkeit in der Slowakei, Fotos aus dem Inneren der slowakischen „Fabrik“ zu beschaffen. Es existieren Tonbandmitschnitte, auf denen Mitarbeiter dieser „Fabrik“ erklären, wie gut sie die Windegger-„K4“ kopieren können.

    Freilich, so gestanden sie, mit einigen Bestandteilen hätten sie ihre Probleme. Aber diese würden sie schon lösen, erklärten sie dem Detektiv, der sich als angeblicher Interessent Zugang zu der „Fabrik“ verschafft hatte.

    In der Fabrik stand auch eine Original-Windegger-Erntemaschine, die den Produkt-Nachbauern als Vorlage diente.

    Die Detektei rekonstruierte denn auch penibel, wie die nachgebauten Maschinen von der Slowakei in die Region Trentino-Südtirol gebracht und dort an Obstbauern verkauft wurden.

    Zur Wende in den Ermittlungen kam es vor wenigen Monaten, als sich der Anwalt der Firma Windegger, Bruno Telchini, an das Unternehmensgericht am Landesgericht in Bozen wandte.

    Diese spezialisierte Sektion am Landesgericht in Bozen wurde erst im Februar 2014 eingerichtet. Es ist dies eine wichtige Anlaufstelle für Betriebe bei Gerichtsverfahren im Bereich des gewerblichen Eigentums und des unlauteren Wettbewerbs. Bis zur Eröffnung der spezialisierten Sektion in Bozen war – in Fällen, in die ausländische Firmen verwickelt sind – das Unternehmensgericht am Landesgericht in Venedig zuständig.

    Nachdem die Firma Windegger zwei Jahre lang – wie Verwaltungsleiter Karl Wieser sagt – gegen Windmühlen gekämpft hatte, ging es nach der Eröffnung der Unternehmensgerichts-Sektion in Bozen Schlag auf Schlag.

    Der zuständige Richter Alex Tarneller erließ vor wenigen Tagen ein Dekret, das Beschlagnahmungen auf dem gesamten italienischen Staatsgebiet erlaubt. Die ersten elf nachgebaut „K4“-Erntemaschinen wurde Anfang dieser Woche im Nonstal beschlagnahmt. Insgesamt soll die slowakische Firma rund 50 nachgebaute „K4“-Erntemaschinen in der Region Trentino-Südtirol verkauft haben. Die Maschinen sollen in den nächsten Tagen und Wochen sukzessive beschlagnahmt werden.

    Der Firma Windegger sind durch die illegalen Praktiken der slowakischen Firma enorme wirtschaftliche Schäden entstanden. Der Anwalt der Firma spricht von Umsatzeinbußen in Höhe von einer Million Euro. „Die Beschlagnahmung der Maschinen ist für uns nur ein Teilerfolg“, sagt Kurt Wieser, „von einem Erfolg können wir erst dann reden, wenn wir das Geld zurückbekommen, das wir verloren haben.“

    Die Lananer Firma musste aufgrund der Umsatzeinbußen sogar Mitarbeiter entlassen. Denn die Firma hat nicht nur 50 Maschinen weniger verkauft. „Einige Bauern haben mit dem Kauf einer Maschine zugewartet, weil sie abwarten wollten, wie sich die Sache mit den nachgebauten Maschinen entwickelt“, weiß Kurt Wieser von der Windegger GmbH.

    Die slowakische Firma, die eine Zeitlang nicht einmal im Handelsregister eingetragen war, hatte die „K4“-Maschinen zum Stückpreis von 17.000 bis 20.000 Euro verkauft. Die Original-Windegger-Maschinen kosten 35.000 Euro aufwärts. „Wir haben schließlich hohe Entwicklungskosten zu tragen“, so erklärt Windegger-Verwaltungsleiter Karl Wieser die Preisunterschiede.

    Dem Detektiv Enrico Maggi gelang es obendrein, die Drahtzieher und Hintermänner dieses großangelegten Erntemaschinen-Betrugs ausfindig zu machen. Der Protagonist in diesem Wirtschaftskrimi ist ein Mann aus der Slowakei, der jahrelang im Nonstal als Äpfelklauber tätig war. Der Mann genoss das Vertrauen vieler Nonstaler Bauern.

    Er soll es gewesen sein, der die Nonstaler Bauern auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hat, die „K4“-Maschinen zu einem viel günstigeren Preis zu bekommen. Er soll die Anzahlungen von jeweils rund 5.000 Euro von den Käufern entgegengenommen haben. Und er soll als Teilhaber der slowakischen Firma „LuStaKo“ am Verkauf der nachgebauten Maschinen mitverdient haben.

    Für die Bauern, die die nachgebauten Maschinen gekauft haben, dürfte es knüppeldick kommen. Sie haben nicht nur das Geld verloren, das sie für die Maschinen bezahlt haben, also in der Regel zwischen 17.000 und 20.000 Euro. Denn es ist kaum anzunehmen, dass sie von der slowakischen Firma das Geld zurückbekommen. Die Obstbauern könnten sogar strafrechtlich belangt werden. Es gibt nämlich konkrete Hinweise dafür, dass die Bauern darüber Bescheid wussten, dass sie de facto einen gefälschten bzw. nachgebauten Marken-Artikel kauften.

    Dass sie die Maschinen irgendwann zurückbekommen, ist auch unwahrscheinlich.

    Der Anwalt der Firma Windegger geht davon aus, dass die beschlagnahmten Maschinen verschrottet bzw. fahruntauglich gemacht werden.

    Und die Nachermittlungen laufen noch. So wird jetzt beispielsweise noch untersucht, ob die nachgebauten Maschinen den gesetzlichen Sicherheitsstandards entsprachen.

    Die Slowaken hatten in den vergangenen Monaten ein Problem: Weil die Nachfrage nach den nachgebauten Maschinen so groß war, kamen sie mit der Produktion nicht nach.

     

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    Kommentare (10)

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    • Einereiner

      Dejavue ? Den Artikel gabs doch schon mal vor 10 Tagen.

    • Silver Surfer

      …weil nur mehr der ideenlose Oberhofer in der Redaktion sitzt – alle anderen Vögel haben sich von der TZ verabschiedet.

    • tess

      da muss ich oberhofer aber verteidigen,der artikel ist gut nachrecherchiert und mit interessanten details ergänzt worden. für mich als laie sind die abgründe der produktpiraterie an hand einer erntemaschine recht gut erklärt. nicht geeignet für solche,die an beiträgen nur die bilder sehen aber kommentare schreiben müssen.

    • Moni-ka

      Also…. wem hat die Globalisierung was gebracht?
      Sicher nichts, uns, den einfachen Arbeitern, Angestellten, Handwerkern, Bauern …
      Wir werden nach Strich und Faden belogen, bestohlen, ausgebeutet, unterdrückt mit beschwichtigenden Worten.
      Tag für Tag wird’s ärgerlicher.

      • Christian

        Die Globalisierung bringt den Konzernen und den AMIS geheime Freihandelsabkommen wie z.B. TTIP mit denen sie ganze Staaten durch formale Schiedsgerichte auf viele Milliarden klagen können. Die meisten Menschenrechte gibt es noch auf dem Papier und werden nicht eingehalten.
        Dieser Betrug ist nur möglich, weil womöglich italienische und slowakische Behörden beide Augen und Ohren geschlossen haben. Italien wird seinem Ruf mit einer Schlagzeile mehr, gerecht?

        • Frage?

          Globalisierung?

          Geografie?

          Wo ist die Slowakei?

          Kann es sein, dass Lana und der slowakische Produktionsort in einem Kaiserreich waren?

          Es ist kein Betrug, es ist Piraterie!
          Er wird geistiges Eigentum gestohlen!

          Frage ist nur, welche Teile der Maschine sind patentrechtlich geschützt?

          Ein Metallrahmen mit 4 Rändern wird es sicher nicht sein!
          Eine selbsfahrende Arbeitsbühne im Prinzip auch nicht?
          Wäre interessant einen kleinen Teil der Patentschrift zu veröffentlichen, nicht dass sich herausstellt, dass es nur der Wippschalter für die Erntekörbe ist ( 😉 ) .

    • Nana

      Solange die slowakische Firma nicht belangt wird, wird die Patentrechtsverletzung belohnt inklusive Gratiswerbung.
      Die neuen „Chinesen“ sitzen jetzt im Ostblock.
      Es sollte doch möglich sein, solche Betrüger europaweit zu verfolgen und bestrafen?

      • Frage?

        Interessant ist nur, dass namhafte Südtiroler Metallverarbeiter ihre hochpräzisen Bestandteile die oft mannshoh sind, in der Slowakei fräsen lässt, weil hier (in Südtirol) die Fachkräfte zu „teuer“ sind!

    • Walter Frei

      Der Boß kommt wahrscheinlich aus dem Trentino oder Oberitalien,gebaut wurde sie sicherlich aus Kostengründen in der Slowakei,sollte das Patent in der Slowakei nicht beantragt worden sein,kann die Firma dort legal das Gerät herstellen,darf es aber nur in Länder auf dem Markt bringen wo das Patent nicht angemeldet wurde,übrigens die Italiener waren schon immer Spezialisten im Nachbau und heute wettern Sie über die Chinesen.

      • Frage?

        Kann dann so ein Gerät, das in der Slowakei womöglich keinen Patentschutz genießt, in der Slowakei auf den Markt gebracht werden, um danach in ein anderes EU Land verbracht zu werden?
        Geht es hier um das „erstmalige“ in den Verkehr bringen oder besteht ein Importverbot in gewisse (EU)Länder?

        Wäre eine interessante Anwort, wenn man sie bekommen könnte.

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